Eine Handvoll Fragen an Anne-Katrin Gebauer zur Gestaltung innovativer kommunaler Bildungsorte

Denken wir an zukunftsfähige Bildungsorte, sollten wir noch viel stärker in Netzwerken denken. Was es dafür braucht, erklärt uns Anne-Katrin Gebauer, Referentin für Räume für Bildung bei der Fachstelle Bildung | Entwicklung | Raum | Integration | Demokratie (FaBERID), in diesem Kurzinterview.

Sie sieht zwei Herausforderungen in diesem Kontext: interne Koordination und Transparenz nach außen. Was den Menschen mit dieser Koordinationsaufgabe die Arbeit erleichtert und welche Good-Practice-Beispiele sie sich anschauen sollten, verriet sie uns im Gespräch.

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Kommunen

stärken

Impulse

geben

Vernetzung

fördern

Wenn wir über Bildungsorte sprechen, haben unterschiedliche Akteur*innen unterschiedliche Orte vor Augen. Die einen denken an die klassische Flurschule und die nächsten an eine Bibliothek, einen Spielplatz oder einen Jugendklub. Bildungsorte können im Sinne eines weiten Bildungsbegriffs sehr vielfältig sein.

Dass Bildungsorte mehr als vier Wände und ein Dach sind, bringt das folgende Zitat von der Garzón School auf den Punkt: „Räume verändern, wie du dich fühlst. Und wie du dich fühlst, verändert, wie du dich verhältst. Und wie du dich verhältst, hat großen Einfluss darauf, wie du lernst.”

Ob formaler oder non-formaler Bildungsort – die Qualität des physischen Ortes ist mit entscheidend, wenn wir über zukunftsfähige Bildungsorte sprechen. Dieser Qualitätsfrage gehen wir als Fachstelle nach und betrachten wie er gebaut und gestaltet und letztlich auch bespielt wird.

Wir beobachten, dass Bildungsort-Gestalter*innen sich in einem Spannungsfeld bewegen. Das möchte ich beispielhaft an der Schule deutlich machen. Schulträger müssen kommunale Pflichtaufgaben erfüllen, d. h. die Schulinfrastruktur schaffen und erhalten, auch um den Ganztagsanspruch zu erfüllen. Sie müssen auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen reagieren und, einen Umgang mit dem demografischen Wandel finden. Sie müssen die UN-Behindertenrechtskonvention an Bildungsorten umsetzen – also ein inklusives Bildungssystem aufbauen und dabei pädagogische wie auch bauliche Aspekte berücksichtigen. Und sie müssen auf den Klimawandel reagieren und durch Umbauten wie Verschattungen Bildungsorte ganzjährig nutzbar machen. Zudem sollten sie das individuelle Wohlbefinden der Nutzer*innen am Bildungsort im Blick behalten. Dies alles hat einen Einfluss auf die Nutzung von Bildungsorten.

Internationale Studien zeigen etwa für den schulischen Bereich, dass sich auch die Lernleistungen von Schüler*innen in Englisch, Mathe und Naturwissenschaften aufgrund einer flexibleren Raumgestaltung verbesserten. All die genannten Faktoren tragen zu einem innovativen und qualitätvollen Bildungsort bei, der entsprechend auch ein Standortfaktor für Kommunen sein kann. Schule ist dabei nur einer von vielen Bildungsorten, die es in der Kommune gibt. Diese Qualitätsfragen stellen sich auch anderswo in der Bildungslandschaft. Wie kann ein Spielplatz etwa so angepasst werden, dass er auch in Hitzesommern nutzbar ist, oder wie können Jugendklubs barrierearmer und inklusiver gestaltet werden? Gleichzeitig existieren die genannten Bildungsorte nicht isoliert. Sie sind Bestandteile einer sozialräumlichen und kommunalen Bildungslandschaft. Was wir beobachten, ist dennoch eine starke Fokussierung auf den Bildungsort Schule – klar, das ist der Ort, an dem alle Kinder und Jugendliche gut erreichbar sind. Das wird besonders deutlich, wenn wir über „Öffnung von Schule zum Sozialraum“ sprechen. Häufig wird der Öffnungsprozess nur in eine Richtung gedacht, etwa um den Schulalltag zu entlasten. Anika Duveneck von der Freien Universität Berlin und ihre Kolleg*innen machen in einem aktuellen Forschungsvorhaben deutlich, dass es Öffnungsprozesse in unterschiedliche Richtungen und auf unterschiedlichen Ebenen braucht, um die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen abzubilden und letztlich mehr Teilhabe zu ermöglichen. Das bedeutet auch, dass wir bei zukunftsfähigen Bildungsorten noch viel stärker in Netzwerken denken sollten. Das braucht natürlich mehr Koordination und Abstimmung zwischen den einzelnen Bildungsakteur*innen. Perspektivisch kann die Fokusverschiebung aber dazu beitragen, ein umfassenderes Bildungs- und Hilfesystem zu etablieren, das nah an den Bedarfen der Kinder und deren Familien ist und sie neben dem formalen Lernen auch im lebensweltlichen und Alltagslernen unterstützt.

Die größte Herausforderung ist vielleicht die Verwaltungsstruktur selbst. Einen Bildungsort zu planen, der die eingangs genannten Anforderungen erfüllt, ist äußerst komplex. Dafür braucht es unterschiedliche Akteur*innen mit verschiedenen Kompetenzen und Perspektiven, etwa die Träger der Bildungsorte auf Landkreis-, Stadt- oder Gemeindeebene, Bauämter, Inklusionsbeauftragte, das Land als Schulaufsicht, den Bund als Fördergeber und auch zivilgesellschaftliche Engagierte, die die Orte letztlich mit Leben füllen. Was die Akteur*innen voneinander trennt, sind meist Hierarchie- und Funktionsbarrieren. Das bedeutet, dass bestimmte Aufgaben nicht in die Zuständigkeit der Landkreise und kreisfreien Städte fallen. Grundschulen etwa sind meist in der Trägerschaft von Gemeinden, ebenso Kindergärten, aber auch Einrichtungen wie Bibliotheken. Wie kann in dieser Gemengelage ein Bildungsbau entstehen, der beispielsweise von Bibliothek, Stadtverwaltung und Grundschule genutzt wird? Die Menschen in der jeweiligen Region interessieren diese Verwaltungsgrenzen wenig, sie möchten gut funktionierende und möglichst ineinandergreifende Angebote nutzen. Eine gute Daseinsvorsorge in Wohnortnähe zeigt ihnen auch, dass das politische System funktioniert – und das ist wichtiger denn je.

Für Kommunen beobachten wir zwei Herausforderungen: Nach innen gerichtet geht es darum, einen Prozess, in den viele unterschiedliche Menschen und Perspektiven involviert sind, so zu koordinieren, dass am Ende ein zukunftsfähiger Bildungsort steht. Nach außen gerichtet geht es darum, Transparenz über die zahlreichen Bildungsorte und die fragmentierte Angebotslandschaft herzustellen. Im Idealfall können Bildungsangebote sogar besser aufeinander abgestimmt werden. Für beide Herausforderungen braucht es Menschen mit Mandat, die sich der Koordination annehmen. Das kann hier beispielsweise das kommunale Bildungsmanagement sein.

Es klingt trivial, ist es aber sicherlich nicht: Ein Schlüssel ist es, Grenzen im System zu überwinden und über operative Inseln hinweg zusammenzuarbeiten. Dabei bringen neue Akteur*innen auch neue Handlungslogiken und Strukturen, vielleicht auch andere Werte und Überzeugungen mit. Das kann Störgefühle hervorrufen, wie etwa das Gefühl „die anderen verstehen mich nicht“. Um gemeinsam an zukunftsfähigen Bildungsorten zu arbeiten, geht es ums Kennenlernen, Vertrauen schaffen zwischen unterschiedlichen Akteur*innen, Verständnis aufbringen für andere Standpunkte und Handlungslogiken und ein gemeinsames Problem- sowie Zielverständnis.

Ich möchte das an einem großstädtischen Beispiel deutlich machen. In unserer Arbeit stoßen wir immer wieder auf den Vorbehalt gegenüber Beispielen aus der Stadt. Und uns ist natürlich bewusst, dass die Strukturen in Landkreisen andere sind als zum Beispiel in Berlin. An der Stelle möchte ich gern dazu einladen, den Blick von der Struktur abzuwenden und auf die Fragen zu fokussieren, die man sich bei der Gestaltung von Bildungsorten stellen kann.

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Im Bezirk Mitte von Berlin gibt es zahlreiche Schulbau- und Sanierungsvorhaben, an denen die Landesebene, die kommunale Ebene sowie externe Dienstleister beteiligt sind. Es müssen Fragen vom Naturschutz bis hin zur verkehrstechnischen Erschließung geklärt werden. Dabei konnte in einer moderierten Steuerungsgruppe der „Taskforce Schulbau“ Transparenz über Prozesse und Zuständigkeiten hergestellt und darüber auch ein gemeinsames Problembewusstsein und Verantwortungsgefühl für Lösungen erzeugt werden. Die regelhaften Treffen, die von einer zuständigen Person vor- und nachbereitet wurden, waren dafür entscheidend. So konnten sich die unterschiedlichen Mitarbeitenden aus der Verwaltung kennen und verstehen lernen.

Grundsätzlich sind Lösungen immer kontextabhängig, aber komplexe Herausforderungen brauchen in jedem Fall eine neue Arbeitsweise, die adaptiv ist und projekt- oder vorhabenbezogen. Es können neue kooperative, netzwerkartige Formen der Zusammenarbeit ausprobiert und so neben einer versäulten Verwaltungsstruktur eine lokale Governance-Struktur aufgebaut werden, die auch zivilgesellschaftliche Akteur*innen oder die lokale Wirtschaft mitberücksichtigen. Insbesondere im ländlichen Raum werden freiwillige kommunale Angebote, aber auch Angebote der Daseinsvorsorge von Initiativen, Vereinen oder Engagierten übernommen. Entsprechend sollten diese viel stärker an Planungs- und Umsetzungsprozessen beteiligt werden. Auch ein urbanes, aber durchaus übertragbares Beispiel: Die Stadt Erlangen hat zur Entwicklung eines Stadtteilhauses einen großen Beteiligungsprozess in der sogenannten „Phase 0“ durchgeführt. Da wurden zum einen Anwohner*innen und künftige Nutzer*innen danach gefragt, welche Erwartungen und Wünsche sie an den neuen Ort haben. Zum anderen wurden die Verantwortlichen für die Planung und Umsetzung von Anbeginn einbezogen. Dieser beteiligungsorientierte Ansatz wurde weiterverfolgt: Es wurde eine „Baufamilie“ gegründet, in der Bürger*innen, Fachämter und Architekt*innen regelhaft auf die Planungsstände schauen und so Transparenz über das Vorgehen herstellen. Transparenz, Beteiligung von Engagierten und unterschiedliche Perspektiven auf ein Vorhaben sind sicherlich Gelingensbedingungen für einen Bildungsort.

Was wir als Fachstelle in der Zusammenarbeit mit Kommunen beobachten, zeichnet sich auch statistisch ab: Die Kinderzahlen in den Kindergärten gehen stark zurück. Der Rückgang bewegt sich wie eine Welle auf die Grund- und Oberschulen zu. Gleichzeitig haben wir aktuell noch sehr starke Jahrgänge, für die es nicht ausreichend Schulplätze in den weiterführenden Schulen gibt. Schulträger stehen vor der Herausforderung, kurzfristig Schulplätze für einen bald endenden Zeitraum schaffen zu müssen. Darüber hinaus braucht es auch ausreichend außerschulische Orte für junge Menschen. Auf der anderen Seite haben wir eine stark alternde Gesellschaft, die im Sinne des Lebenslangen Lernens auch Ansprüche an Bildungsorte hat. Es gibt Ballungsräume um größere Kommunen und sehr dünn besiedelte Landkreise. Mit diesen Schwankungen und multiplen Ansprüchen umzugehen, braucht ein kooperativeres und weniger exklusives Nutzungsverständnis von Bildungsorten, selbstverständlich ohne dabei Fragen wie Kinderschutz in der Schule oder das Bedürfnis nach erwachsenenfreien Zonen an Jugendorten zu vernachlässigen. Mehrfachnutzung wird bei Sporthallen bereits lange erprobt und könnte auch auf andere Bildungsorte skaliert werden. Der Kulturbereich übt schon lange Zwischennutzung und bespielt damit Leerstand. Warum diese Nutzungsmöglichkeiten nicht auch auf den Bildungsbereich ausweiten? Neubau sollte direkt so modular geplant werden, dass er „lebendig“ ist und auf schwankende Bedarfe reagieren kann. Und wenn in sehr dünn besiedelten Gegenden große Bildungsorte nicht mehr leistbar sind, kann über mobile Angebote – wie Bücherbusse, Makermobile oder Softeis-Busse – mit Begegnungsangeboten nachgedacht werden. Hierbei ollte gleichzeitig zivilgesellschaftliches Engagement in besonderem Maße unterstützt werden. Die kommunale Bildungssteuerung kann anregen, neu und um die Ecke zu denken, und dabei unterstützen, die relevanten Menschen an einen Tisch zu holen. Kommunen sollten versuchen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, die neue Nutzungsmöglichkeiten vereinfachen und Engagement fördern. Denn letztlich ist der wohnortnahe Zugang zu Bildung auch eine Frage von Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit!


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