„Als Landkreis wollen wir mit den kreisangehörigen Kommunen gemeinsam etwas erreichen“

Wie man mit Bildung dem Strukturwandel im ländlichen Raum begegnen kann, darüber haben wir mit Anja Miersch und Sebastian Hilbert aus dem Landkreis Elbe-Elster gesprochen.

Anja Miersch ist seit April 2024 Dezernentin für Bildung, Jugend, Soziales und Kultur im Landkreis Elbe-Elster. Besonderen Wert legt sie auf eine Zusammenarbeit mit den kreisangehörigen Kommunen, den Bildungsakteur*innen und der Zivilgesellschaft. „Wir schauen immer partnerschaftlich und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung.”

Gemeinsam mit Sebastian Hilbert, der seit 16 Jahren Bildungsmanager in Elbe-Elster ist, blicken sie ressourcenorientiert auf ihren ländlichen Landkreis. „Wir sind Lobbyisten von außerschulischen Lernorten“, sagt Sebastian Hilbert, der mit seiner Arbeit den Fokus auf die non-formale Bildung legt.

© kobra.net

Kommunen

stärken

Impulse

geben

Vernetzung

fördern

Sebastian Hilbert: Mein Herz schlug damals schon und tut es noch heute für das Bildungsmanagement, insbesondere das Übergangsmanagement. Wir können zwar Kinder und Jugendliche selbst nicht bei einem Übergang in die Schule oder den Beruf aus dem Bildungsbüro heraus begleiten. Das ist Aufgabe der Eltern, der Fachkräfte in den Einrichtungen und vieler Kooperationspartner*innen vor Ort. Aber wir können Sorge tragen dafür, dass Vernetzung stattfindet und Bildungsprogramme aufeinander aufbauen und abgestimmt sind, damit die Übergänge gut gelingen können. Diesen Ansatz verfolgen wir zum Beispiel auch im gewaltpräventiven Bereich mit dem Programm EFFEKT und der Kooperation mit der RAA Brandenburg als Bildungsträger. Für mich begann alles 2010 mit einer Fachtagung zur MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Ich wollte Bildungsangebote in den Landkreis holen und fest implementieren. So begannen wir mit Stiftungen wie die der Telekom oder „Kinder forschen“ zu kooperieren, damit sich deren Angebote auch in der Bildungslandschaft Elbe-Elster wiederfinden. Es ist uns unter anderem gelungen, die Klasse(n)kisten der Telekom-Stiftung oder das MINT-Fortbildungsprogramm der Stiftung „Kinder forschen“ dauerhaft einzuführen. Damit das alles funktioniert, braucht es Durchhaltevermögen und natürlich Überzeugungskraft. Aber genau darauf legen wir unseren Fokus. Immer wieder an den richtigen Stellschrauben zu drehen und passgenau die richtigen Angebote zu finden, das macht unsere Arbeit aus – und genau das macht Freude bei der Zusammenarbeit mit den pädagogischen Fachkräften vor Ort. Hier weiß ich, dass ich etwas bewegen kann. Aber all das geht natürlich nicht allein. Ohne die Partner*innen vor Ort und gelingende Arbeitsbeziehungen wäre das alles nicht möglich.

Anja Miersch: Ich blicke mit Stolz auf eine sehr gute Vernetzung innerhalb der Verwaltung, aber auch nach außen. Wir sind präsent in unserem Landkreis. Mit unseren Bildungsnetzwerken sind wir wirksam und zugleich sichtbar. Einer unserer größten Erfolge ist dabei ganz klar zwanzig Jahre Bildungskonferenz. Bei der Themenwahl jeder Konferenz orientieren wir uns an aktuellen Herausforderungen und binden somit auch immer wieder neue Akteur*innen ein. Damit erweitern wir stetig das Netzwerk. Die Teilnehmenden merken und wertschätzen das.

Sebastian Hilbert: Ich blicke auf eine langjährige gelingende Beteiligung vielfältiger Akteur*innen unserer Bildungslandschaft zurück. Die Teilnehmenden wollen über den Tellerrand schauen, reflektieren, miteinander ins Gespräch kommen und Ideen austauschen. Wir organisieren jedes Jahr einen fachlichen Input von außen, laden dann aber Beispiele gelungener Praxis aus unserem Landkreis ein. Besonders dieser regionale Bezug kommt gut an. Beim Thema unserer 20. Konferenz „Lernen-Leben-Weiterbilden − Weil Lernen nie aufhört und Zukunft Bildung braucht“ waren zum Beispiel die Bibliotheken unabdingbar. Hier geht es vor allem um die enge Zusammenarbeit der non-formalen und der formellen Bildung. Ich finde es übrigens sehr spannend, was im ländlichen Bereich alles möglich ist.

Sebastian Hilbert: Zu Beginn der Arbeit im Bildungsbüro konzentrierte sich vieles auf den Bereich Schule. Die Fragen waren immer: Wie entwickelt sich Schule, wie kann sie sich öffnen und welche Fortbildungen für Lehrkräfte können wir anbieten? Damals gab es zu wenige Ausbildungsplätze für zu viele Jugendliche. Die Situation war vollkommen konträr zu der von heute. Bis 2009 das Förderprogramm „Lernen vor Ort“ an den Start ging, stand immer die Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft und die Vermittlung der Jugendlichen in Arbeit im Fokus. Die Berufsorientierung wurde weiter vernetzt und neu war, diese über das Bildungsmonitoring abzubilden. Die Bildungskonferenzen wurden thematisch auf das „lebenslange Lernen“ ausgerichtet.

Generell fand sich in der Arbeit die Anlehnung an den erweiterten Bildungsbegriff wieder. Kita, Grundschule und Präventionsarbeit gerieten in das Blickfeld. Es ging darum zu erkennen, was man aus einer Kreisverwaltung heraus koordinieren kann – im Sinne eines datengestützten kommunalen Bildungsmanagements.

Parallel dazu hat sich auch im Land Brandenburg viel entwickelt, beispielsweise die Plattform „Kulturelle Bildung“. Auch das Thema „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit der Servicestelle BNE erfährt viel mehr Aufmerksamkeit. In diesen Themen zusammenzuarbeiten ist wichtig und daraus ergeben sich dann auch wieder Schwerpunktsetzungen für unsere Bildungskonferenzen. Aktuell wird deutlich, dass sich das lebenslange Lernen überall zeigt. Deswegen haben wir es im November ins Zentrum gestellt.

Anja Miersch: Die Zusammenarbeit mit den Kommunen, Städten und den Ämtern ist wirklich gut. Auch die Verbandsgemeinde profitiert von unserer Vernetzung. Wir arbeiten alle in der jeweiligen Verantwortung an den gleichen Problemstellungen und stehen als Ansprechpartner*innen zur Verfügung. Bei uns sind die Kitas nicht in Landkreisträgerschaft. Sie sind in den Städten, Gemeinden und bei freien Trägern untergebracht. Es gibt eine Kitabedarfsplanung durch den Landkreis, die eng aufeinander abgestimmt wird.

Wir schauen also gemeinsam: Wo liegen die Schwerpunkte? Welche Sorgen gibt es? Wo ist die Not gerade am größten? Mit den Fachberater*innen, die wir hier direkt vor Ort haben, versuchen wir zügig Lösungen zu finden. Wir schauen immer partnerschaftlich. Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist das Stichwort. Als Landkreis wollen wir mit den kreisangehörigen Kommunen gemeinsam etwas erreichen. Ohne die kreisangehörigen Kommunen funktioniert in einem Flächenlandkreis wie unserem nichts. Vor allem auch im Hinblick auf die demografische Veränderung müssen wir uns zusammentun. Wir werden bald weniger Kinder in den Einrichtungen haben. Schulen zu unterhalten, wird auch immer schwieriger. Da kommen neue Herausforderungen auf uns zu. Es gibt mehr Ausbildungsstellen als Jugendliche. Die Unternehmen wollen aber ausbilden. Wir müssen den wenigen Jugendlichen zeigen, dass sie hier ihre Ausbildung machen und auch bleiben können. Und wir möchten attraktiv bleiben für diejenigen, die in die Welt hinauswollen und ihnen zeigen, dass sie gern wiederkommen können. Es gibt gute Lebensbedingungen in unserem Landkreis und einige positive wirtschaftliche Entwicklungen.

Sebastian Hilbert: Um neue Themen zu etablieren, müssen sie auf den Tisch des Verwaltungschefs. Wir müssen Dienstwege einhalten und je höher das Thema Bildung steht, desto effektiver können wir arbeiten. Es ist wichtig, dass der Landrat und die Dezernentin eng eingebunden werden. Bildungsmanagement betrifft ja auch andere Amtsbereiche, zum Beispiel das Sozialamt, wenn es um Integration bei der Berufsorientierung geht, oder das Jugendamt, wenn es um Übergänge, den Ganztag oder Qualitätsentwicklung geht. So können wir effizienter arbeiten.

Anja Miersch: Wir schaffen moderne Unterrichtsbedingungen. Wir investieren an den richtigen Stellen und haben so den ersten Standort für unser neues Oberstufenzentrum in Elsterwerda fertiggestellt. An einem anderen Ort bauen wir so aus, dass sehr moderne Unterrichtsmöglichkeiten entstehen. Nächstes Jahr soll alles fertig sein, sodass die frischen Auszubildenden direkt an einem schönen Ort lernen können. Aber auch in unsere anderen Schulstandorte investieren wir regelmäßig. Die Lehrkräfte, die von außerhalb zu uns kommen, sind positiv überrascht, wie gut die Unterrichtsbedingungen in Elbe-Elster sind.

Sebastian Hilbert: Wir sind in einem ländlichen Kreis. Als ich angefangen habe, hatte der Landkreis ungefähr 120.000 Einwohner*innen, jetzt sind es noch 100.000. Trotzdem werden Gelegenheiten für informelle Bildung benötigt. Ein Beispiel sind unsere Elternkurse EFFEKT, die auch pandemiebedingt eingebrochen sind und erst langsam wieder mehr nachgefragt werden. Es ist wichtig, dass die Eltern in der Kita zusammenkommen und miteinander Erziehungsthemen besprechen. Das ist oft wirksamer als ein Vortrag beziehungsweise die reine Wissensvermittlung. Informeller Austausch, Reflexion und daraus erwachsende Erkenntnisse sind wertvoll. Dabei ist das Gefühl des Miteinanders verbindend und hilfreich. Diese Kurse wollen wir beibehalten. Die reine Wirtschaftlichkeit dieser Angebote ist mitunter fragwürdig. Aufgrund von Haushaltsdebatten die Gelder dafür zu streichen, halte ich jedoch für falsch. Standortentwicklung heißt auch, antizyklisch zu handeln und informelle Bildungsangebote weiter bestehen zu lassen. Da passieren oftmals Dinge, die sind nicht so einfach messbar.

Anja Miersch: Mein persönliches Highlight ist „Komm auf Tour“. Wir als Landkreis haben gemeinsam mit der Sinus AG, der Agentur für Arbeit und der Sparkassenstiftung dieses Projekt ins Leben gerufen. Hierzu sind alle Oberschulen der 7. Klassen eingeladen. An verschiedenen Stationen werden die Stärken der jungen Leute herausgearbeitet. Dieses Angebot gilt für alle Oberschulen wie auch die Förderschulen.

Im Anschluss werden Empfehlungen für ein Praktikum ausgesprochen, an die manche nie gedacht hätten. Über 500 Schüler*innen und mehr als 50 Eltern haben im Jahr 2025 daran teilgenommen.

Auch unsere Ausbildungsmesse Match ist ein Gemeinschaftsprojekt mit unseren kleinen, mittelständischen Unternehmen. Hier finden junge Menschen unter anderem regionale Betriebe und können mit ihren Eltern zusammen direkt Fragen stellen und ins Gespräch kommen.

Sebastian Hilbert: Das Wichtigste ist, die Zielgruppen gut einzubinden, bedarfsgerechte Bildungsangebote zu gestalten und aufrechtzuerhalten. Das ist eine nicht endende Aufgabe im Bildungsmanagement: Es gilt, immer wieder einen Ausdauerlauf anzutreten und dabei auf den Atem zu achten. Wir haben beispielsweise eine hohe Dichte an Jugendclubs. Auch wenn es tendenziell weniger junge Leute geben wird, ist meine Vision, diese Lernorte, in denen die jungen Leute selbstständig sein können und gemeinsam Projekte entwickeln, beizubehalten. Da passiert informelle Bildung im ländlichen Raum. Und das ist auch Demokratiebildung. Gerade aktuell ist das in unserem Landkreis ein enorm wichtiges Thema. Wir brauchen diese vielfältigen Orte mehr denn je, deswegen sollten diese gut gepflegt werden. Demografischer Wandel hat auch immer etwas Positives. Meine Vision ist es, das als Ressource zu sehen.

Anja Miersch: Es gibt eine gute Unternehmerstruktur im Landkreis. Mein Wunsch ist es, dass diese Nachfolger*innen finden. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, vor allem auch durch die Bahn, muss gut bleiben, damit der Landkreis nicht abgehängt wird. Der Bundeswehrstandort Holzdorf wird ausgebaut. Die Menschen, die dort arbeiten, sollen ihren Wohnort in Elbe-Elster finden. Dafür bereiten die Kommunen mit dem Landkreis alles vor: Wir entwickeln Wohnorte mit Schulen und Kitas und schaffen Möglichkeiten. Wir sind ländlich geprägt, aber wir haben auch unsere kleinen Highlights, die müssen wir noch bekannter machen. Tu Gutes und zeige es! Wir wollen die Herausforderungen als Chance begreifen und Positives darin erkennen. Und wir wollen die junge Bevölkerung halten und Rückkehrer*innen willkommen heißen.


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