Digital vernetzt – Bildungsorte zukunftsfähig gestalten
Viele Kommunen, insbesondere im unmittelbaren Umland von Berlin, verzeichnen einen starken Zuzug mit entsprechend steigenden Platzbedarfen. Gleichzeitig vernehmen Landkreise und kreisfreie Städte zum Teil einen Trend mit rückläufigen Bedarfen. Entsprechend scheint es auf kommunaler Ebene unweigerlich, sich mit dem Schaffen und der Um- sowie Weiternutzung von Bildungsbauten auseinanderzusetzen.
Gleichzeitig stehen Kommunen vor der Aufgabe, Bildungsorte zukunftsfähig zu gestalten und dabei pädagogische Anforderungen wie Ganztag, Inklusion, Digitalisierung und die stärkere Öffnung in den Sozialraum mitzudenken.
Im digitalen Raum kamen kommunale Fachkräfte aus den Bereichen Schulentwicklungsplanung, Bildungsmanagement und Bildungsmonitoring dazu in den Austausch, welche Anforderungen an künftige Bildungsorte gestellt werden und welcher Handlungsspielraum sich für die kommunale Ebene bei dieser Aufgabe ergibt.
Kommunen als Gestalter von Bildungsorten
Anne-Kathrin Gebauer, FaBERID
Die zentrale Bedeutung zukunftsfähiger Bildungsorte für die kommunale Standortentwicklung wird zunehmend hervorgehoben. Bildungsorte erfüllen längst nicht mehr nur klassische Bildungsaufgaben, sondern leisten einen wesentlichen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit von Städten und Gemeinden. Den Kommunen kommt dabei eine wichtige Gestaltungsverantwortung zu, so Anne-Kathrin Gebauer von FaBERID. Die damit verbundenen Herausforderungen sind vielschichtig und erfordern Lösungen, die sich am jeweiligen lokalen Kontext orientieren. Themen wie Inklusion, Klimaresilienz und demografischer Wandel müssen dabei ganzheitlich betrachtet und miteinander verknüpft werden.
Die Planung und Entwicklung zukunftsfähiger Bildungsorte erfordern eine frühzeitige Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragestellungen: Auf welche Herausforderungen soll reagiert werden? Welche Ziele werden verfolgt? Wer sind die relevanten Akteur*innen, deren Mitwirkung für das Gelingen des Prozesses unverzichtbar ist? Und welche Formate eignen sich, um Planungsstände gemeinsam zu reflektieren und weiterzuentwickeln?
Darüber hinaus bedarf es einer klaren Definition von Rollen, Verantwortlichkeiten und Koordinationsaufgaben. Netzwerke und Kooperationen entstehen nicht von selbst, sondern müssen aktiv gestaltet und langfristig begleitet werden. Dafür sind Personen erforderlich, die Prozesse koordinieren, Verbindungen zwischen den Beteiligten schaffen und die Zusammenarbeit kontinuierlich unterstützen.
Praxisbeispiele verdeutlichen, dass die erfolgreiche Entwicklung zukunftsfähiger Bildungsorte neben baulichen und pädagogischen Aspekten insbesondere von einer strategischen Prozessgestaltung, verbindlichen Kooperationen und einer frühzeitigen Einbindung relevanter Akteur*innen abhängt. Dabei sollten zentrale Fragestellungen bereits zu Beginn berücksichtigt werden, um tragfähige und nachhaltige Lösungen zu ermöglichen.
Bildungsorte nutzen, erleben und weiterdenken
Lisa Lemke, Montag Stiftung
Um einen Bildungsort zukunftsfähig zu gestalten, braucht es neben der baulichen Planung und pädagogischen Konzepten ebenso die strategische Weiterentwicklung im Betrieb. Im Schulbauprozess kommt der sogenannten „Phase Zehn“ eine besondere Bedeutung zu. Während in der „Phase Null“ die Entwicklung eines pädagogisch-räumlichen Konzepts unter Beteiligung der Schulgemeinschaft erfolgt und die Phasen Eins bis Neun die architektonische Planung sowie die bauliche Umsetzung umfassen, steht in Phase Zehn die pädagogische und räumliche Inbetriebnahme des neuen Schulgebäudes im Mittelpunkt. Ziel ist es, den Übergang vom fertiggestellten Bauwerk in den schulischen Alltag aktiv zu gestalten und die Nutzung der neuen Lernumgebung nachhaltig zu unterstützen.
Im Mittelpunkt steht dabei die Begleitung des Einzugs sowie die Entwicklung neuer Lern-, Arbeits- und Organisationsformen. Dieser Prozess wird von unterschiedlichen Akteur*innen getragen: der Schulgemeinschaft mit Mitarbeitenden, Kindern, Jugendlichen und Schulaufsicht sowie dem Schulträger mit Bauverwaltung und Schulverwaltungsamt, die insbesondere bei notwendigen Nachsteuerungen eine wichtige Rolle spielen.
Mithilfe des Playbooks „Phase Zehn“, welches die pädagogisch-räumliche Inbetriebnahme in Form eines Spielfelds veranschaulicht, wurde deutlich, welche Schritte, Aufgaben und Beteiligten für einen erfolgreichen Übergang in das neue Schulgebäude relevant sind. Die anschauliche Darstellung machte insbesondere die Bedeutung multiprofessioneller Zusammenarbeit sichtbar und zeigte auf, wie Schulen diesen Prozess gemeinsam gestalten können.
Ein Blick in die Praxis
Melanie Fiedler, Landkreis Oberhavel
Die Frage, wie Schulbau und Bildungsplanung zukunftsfähig gestaltet werden können, gewinnt angesichts wachsender Anforderungen an das Bildungssystem zunehmend an Bedeutung. Insbesondere in Regionen mit steigenden Schülerzahlen besteht die Herausforderung darin, ausreichende und bedarfsgerechte Bildungsangebote bereitzustellen. Im Landkreis Oberhavel steigt der Bedarf an Schulplätzen über alle Schulformen hinweg kontinuierlich an. Um dieser Entwicklung zu begegnen, werden sowohl langfristige Maßnahmen zum Ausbau der schulischen Kapazitäten als auch kurzfristige Übergangslösungen umgesetzt, so Melanie Fiedler. Ziel ist es, den wachsenden Bedarf zu decken und gleichzeitig eine nachhaltige Weiterentwicklung der Bildungsinfrastruktur sicherzustellen.
Der Kreistag hat die Entwicklung eines kreisweiten Standards für Schulgebäude und deren Ausstattung beauftragt. Der „Oberhavelstandard“ soll bauliche, gestalterische und technische Anforderungen definieren und schrittweise an allen Schulen des Landkreises etabliert werden. Gleichzeitig sollen bestehende Sanierungsbedarfe systematisch aufgearbeitet werden. Mit der Verwaltungsreform 2023 wurde das Bildungsdezernat neu aufgestellt. Neben personellen Neubesetzungen wurden zusätzliche Stellen geschaffen, um die organisatorischen Voraussetzungen für die anstehenden Aufgaben im Schulbereich zu verbessern. Die für Schulträgeraufgaben relevanten Bereiche – darunter Schulverwaltung, Planung, Bau, IT sowie Kultur und Weiterbildung – arbeiten inzwischen eng verzahnt zusammen und profitieren von kurzen Abstimmungswegen. Im April 2025 nahm mit Unterstützung der REAB Brandenburg die Arbeitsgruppe „Schulbau und Schulausstattung“ ihre Arbeit auf. Ziel ist die Entwicklung gemeinsamer Leitlinien für zukunftsfähige Schulgebäude. Grundlage bilden Erfahrungen anderer Kommunen sowie die Raumplanempfehlungen des MBJS. Im Fokus stehen flexible und nachhaltige Lernräume, die moderne Pädagogik, Ganztagsangebote und die Öffnung der Schulen in den Sozialraum unterstützen. Perspektivisch sollen weitere Fachbereiche und externe Akteur*innen in den Prozess eingebunden werden.
Aus Sicht der REAB Brandenburg, die diesen Prozess begleitet, stellt die gemeinsame Entwicklung des Leitfadens weit mehr als die Erarbeitung eines Arbeitsergebnisses dar. Sie bietet die Möglichkeit, fachliche Expertise, unterschiedliche Perspektiven und praktische Erfahrungen zusammenzuführen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. Die Arbeit in der Arbeitsgruppe zeigt, welchen Mehrwert bereichsübergreifende Zusammenarbeit schafft und welchen Beitrag jede beteiligte Person zum gemeinsamen Erfolg leistet. Insbesondere für ein vergleichsweise neues Dezernat eröffnet die Mitarbeit die Chance, Erfahrungen in der Begleitung größerer Vorhaben zu sammeln und bereichsübergreifende Zusammenarbeit unmittelbar zu erleben. Der offene Austausch fördert ein gemeinsames Verständnis von Zielen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten und stärkt Vertrauen sowie Zusammenarbeit. Darüber hinaus trägt die Arbeitsgruppe dazu bei, die Aufgaben, Herausforderungen und Rahmenbedingungen der unterschiedlichen Bereiche besser nachzuvollziehen. Abstimmungs- und Entscheidungswege werden transparenter und schaffen ein tieferes Verständnis für die Komplexität und den Aufwand einzelner Arbeitsschritte. So entsteht nicht nur ein gemeinsamer Leitfaden, sondern zugleich ein stärkeres gegenseitiges Verständnis über Bereichsgrenzen hinweg.
Diskussion zu Herausforderungen und Bedarfen in den Kommunen
Was braucht es aus Ihrer Sicht für die zukunftsfähige Ausrichtung von Bildungsorten?
Als zentrale Voraussetzungen für zukunftsfähige Bildungsorte wurden flexible und multifunktional nutzbare Räume sowie eine stärkere gemeinsame Nutzung von Bildungsinfrastrukturen genannt. Dabei wurde betont, Bildungsorte stärker als Teil des Sozialraums zu verstehen und unterschiedliche Akteur*innen frühzeitig in Planungs- und Entwicklungsprozesse einzubeziehen. Darüber hinaus wurden partizipative Verfahren, die Einbindung von Kindern und Jugendlichen sowie eine ämterübergreifende Zusammenarbeit als wichtige Erfolgsfaktoren hervorgehoben. Ebenso wurden klare Nutzungsregelungen, Planungssicherheit und eine langfristige Prozessbegleitung als wesentliche Voraussetzungen benannt.
Wie sind die Entwicklungen in den Kommunen?
Die Kommunen stehen vor unterschiedlichen demografischen und strukturellen Rahmenbedingungen. Während einige Regionen mit steigenden Schülerzahlen und wachsenden Raumbedarfen konfrontiert sind, beschäftigen andere Kommunen rückläufige Kinderzahlen und deren Auswirkungen auf Schulstandorte. Gleichzeitig gewinnen die Umnutzung bestehender Räume sowie eine effizientere Nutzung vorhandener Infrastrukturen an Bedeutung. Die Diskussionen verdeutlichten zudem, dass Bildungsorte zunehmend vernetzt sowie gemeinde- und sektorenübergreifend gedacht werden.
Welche Herausforderungen sehen Sie und welche Lösungen bieten sich an?
Als zentrale Herausforderungen wurden unsichere Bevölkerungsprognosen, Finanzierungsfragen, begrenzte räumliche Kapazitäten sowie unterschiedliche Ausgangslagen zwischen ländlichen Regionen und dem Berliner Umland benannt. Hinzu kommen organisatorische Hürden, etwa fragmentierte Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung sowie die teilweise unzureichende Einbindung relevanter Akteur*innen in Planungsprozesse. Auch die langfristige Sicherung und wirksame Nutzung von Fördermitteln sowie die Begleitung von Veränderungsprozessen wurden als wichtige Herausforderungen hervorgehoben.
Als Lösungsansätze wurden flexible und bedarfsgerechte Raumkonzepte, die stärkere Nutzung von Synergien – auch über Gemeindegrenzen hinweg – sowie eine koordinierende Unterstützung durch die Landkreise genannt. Darüber hinaus wurde die Bedeutung professioneller Prozessbegleitung, gemeinsamer Entwicklungsprozesse und einer frühzeitigen Abstimmung zwischen den beteiligten Akteur*innen betont.
Material
Weiteres zum Thema Bildungsorte
Format „Digital vernetzt“
Das Format „Digital vernetzt“ bietet kommunalen Fachkräften im Land Brandenburg die Möglichkeit, Fragen und Herausforderungen rund um das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement zu besprechen. Ziel ist es, praxisnahe Unterstützung, fachlichen Austausch und neue Impulse zu bieten, um die Arbeit in der kommunalen Bildungsgestaltung zu unterstützen. Zudem soll die Vernetzung gefördert werden und ein Raum für Bildungsmanager*innen und Bildungsmonitorer*innen entstehen.
Kontakt
Katharina Vogel
FACHBERATERIN
für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), non-formale Bildung und sozialräumliches Bildungsmonitoring
Tel.: 0331 – 7048 8305
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