Eine Handvoll Fragen an Dr. Daniel März zur Bildungsintegration als kommunale Querschnittsaufgabe
Dr. Daniel März leitet gemeinsam mit Katja Geerdes die Fachstelle Bildung | Entwicklung | Raum | Integration | Demokratie (FaBERID) der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS).
Die Fachstelle ist Teil des Fachnetzwerkes für kommunales Bildungsmanagement des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der auch die REAB Brandenburg angehört. Wir haben Dr. Daniel März gefragt, wie Bildungsintegration als Querschnittsaufgabe im kommunalen Bildungsmanagement gelingen kann.
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Kommunen
stärken
Impulse
geben
Vernetzung
fördern
1. Sie sind Experte für Bildung und Integration: Vor welchen Herausforderungen steht die Bildungsintegration aktuell?
Bildungsintegration steht unter einem doppelten Druck. Gesellschaftlich-politisch erleben wir eine zunehmende Polarisierung. Integration wird in der öffentlichen Debatte häufig nur noch als Problemerzählung verhandelt. Der migrationskritische Diskurs erschwert die fachliche Arbeit vor Ort erheblich. Kommunale Integrationsbeauftragte und Bildungsbüros berichten uns, dass sie sich zunehmend für ihre Arbeit rechtfertigen müssen. Nicht, weil die Ergebnisse schlecht wären, sondern weil das politische Klima sich verändert hat.

Der zweite Druck ist strukturell-finanziell. Kommunale Integrationsarbeit bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Pflichtaufgaben, etwa im Ausländerwesen oder in der Leistungsgewährung, und freiwilligen Aufgaben, die den eigentlichen Gestaltungsraum bilden, wie zum Beispiel Integrationskonzepte, Koordinierungsstellen, Bildungsberatung oder Netzwerkarbeit. Gerade dieser gestaltbare Bereich ist bei Kürzungen als erstes gefährdet. Ein Dezernent brachte es in einer Studie auf den Punkt: Integration habe in seiner Stadt kommunalrechtlich die gleiche Wertigkeit wie die Weihnachtsbeleuchtung. Das klingt zugespitzt, beschreibt aber ein reales Problem. Integration hat in manchen Kommunen kommunalrechtlich die gleiche Wertigkeit wie die Weihnachtsbeleuchtung. Wer Bildungsintegration ernst nimmt, muss sie strukturell verankern – nicht als Projekt, sondern als Daueraufgabe.
Gleichzeitig zeigen die Zahlen, warum wir uns eine Rückabwicklung von Integrationsstrukturen nicht leisten können. Deutschland braucht eine jährliche Nettozuwanderung von mindestens 400.000 Personen, um Arbeitsmarkt und Sozialsysteme zu stabilisieren. Der Mikrozensus 2024 weist 30 Prozent der Bevölkerung als Personen mit Migrationshintergrund aus. Bei den unter Fünfjährigen sind es bereits 43 Prozent. Das ist die demografische Realität dieses Landes. Und diese Realität braucht eine funktionierende Bildungsinfrastruktur.
2. Fragen der Bildungsintegration werden sehr stark von einer großstädtischen Perspektive dominiert.
Wenn wir auf den ländlichen Raum blicken: Gibt es in der Forschung noch „weiße Flecken“? Was ist da das Problem?
Ja, es gibt diese weißen Flecken und das müssen wir offen benennen. Wenn wir über kommunale Integration sprechen, in der Forschung, in der Fachdebatte, in den Medien, dann sprechen wir meistens über Großstädte. Berlin, München, Stuttgart, Köln, Dortmund. Die Integrationskonzepte, die Schule machen, kommen aus Großstädten. Die Studien, die zitiert werden, befragen Großstädte. Aber: 57 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben in ländlichen Räumen, auf 91 Prozent der Fläche. In Brandenburg ist das noch ausgeprägter: Von 413 Gemeinden haben 385 weniger als 20.000 Einwohner*innen. Die Integrationsarbeit vor Ort findet in den kreisangehörigen Gemeinden statt. Und genau dort fehlt es häufig an Personal, Daten und Austauschstrukturen. Vieles, was wir an Erkenntnissen zur Bildungsintegration haben, ist in großstädtischen Kontexten entstanden. Die Frage ist: Was davon ist übertragbar und wo brauchen ländliche Räume eigene Antworten?
Es gibt erste vielversprechende Forschungsansätze, die diese weißen Flecken adressieren. Das NeOBi-Projekt im Forschungsverbund ABIBA|Meta untersucht beispielsweise Bildungslandschaften in peripheren Sozialräumen und bestätigt, dass die Koordinierung von Bildungsangeboten in strukturschwachen Regionen besonders wichtig ist, weil die Angebotslandschaft dünner und die Wege weiter sind. Das laeneAs-Projekt erforschte die Bildungsumwelten junger Geflüchteter in der beruflichen Ausbildung im ländlichen Raum. Aber insgesamt stehen wir hier noch am Anfang. Was wir brauchen, sind nicht einfach verkleinerte Großstadtlösungen, sondern eigenständige Ansätze, die die Besonderheiten ländlicher Räume ernst nehmen.
3. Kommunale Bildungslandschaften – auch in ländlichen Räumen – zeichnen sich durch eine zunehmende Vielfalt aus. Das Konzept der „Superdiversität“ kann ein hilfreicher Ansatz sein, um diese Vielfalt zu begreifen.
Was versteht man unter Superdiversität und welche Folgen hat sie?
Superdiversität ist ein Konzept, das der Soziologe Steven Vertovec bereits 2007 geprägt hat. Es beschreibt eine entscheidende Verschiebung: Es gibt nicht mehr „die“ türkische Community, „die“ syrischen Geflüchteten, „die“ polnischen Zuwanderer. Stattdessen werden diese Gruppen in sich immer heterogener. Nach Aufenthaltsstatus, Bildungsbiografie, Sprachkompetenz, rechtlichem Status, Generation. Superdiversität meint, die Vielfalt selbst wird vielfältiger.
„Wer Bildungsintegration ernst nimmt,
muss sie strukturell verankern –
nicht als Projekt, sondern als Daueraufgabe.“Dr. Daniel März

Aladin El-Mafaalani hat dieses Konzept weitergedacht und spricht von der „superdiversen Klassengesellschaft“. Seine zentrale Erweiterung ist, dass Superdiversität sich nicht von sozialer Ungleichheit trennen lässt. Die Schere zwischen privilegierten und prekären Kindheiten wird größer; gleichzeitig steigt die sprachliche, religiöse und kulturelle Vielfalt. Kinder sind in Deutschland eine demografische Minderheit und ausgerechnet diese Minderheit weist die größte Heterogenität aller gesellschaftlichen Gruppen auf. Wer also über Superdiversität spricht, muss immer auch über soziale Lage sprechen. Die Verschränkung von Herkunft und sozialer Lage ist der Kern der Herausforderung.
Und für die kommunale Praxis hat das ganz konkrete Folgen. Standardisierte Ansätze, zum Beispiel ein Sprachkurs für alle, ein Elternbrief für alle, eine Maßnahme für alle, greifen nicht mehr. Wenn in einer Grundschulklasse Kinder sitzen, deren Eltern promoviert haben und kein Deutsch sprechen, neben Kindern, die in Deutschland geboren sind und deren Familie seit drei Generationen hier lebt, aber bildungsfern ist, neben Kindern, die vor acht Monaten aus einem Kriegsgebiet gekommen sind, dann lässt sich das nicht mit einem einzigen Förderansatz bearbeiten.
Superdiversität ist kein akademischer Luxusbegriff. Im Podiumsgespräch beim Entwicklungsforum in Cottbus am 7. Mai 2026 sagte ein stellvertretender Schulleiter: Endlich habe er einen Begriff für das, was er täglich an seiner Schule erlebt. Genau dafür brauchen wir solche Konzepte. Als Werkzeug für die Praxis, nicht als Theorie für die Schublade.

Was bedeutet das für Brandenburg? Der Anteil der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte liegt hier bei rund 10 Prozent und weit unter dem Bundesdurchschnitt. Man könnte also meinen, das Thema sei weniger relevant. Aber Vielfalt wächst auch im ländlichen Raum – nur anders. Wir sehen, dass auch in peripheren Räumen Diversität zunimmt und bereits besteht, allerdings unter anderen Bedingungen. Die Angebotslandschaft ist dünner, die Wege sind weiter, die Sichtbarkeit von Vielfalt geringer. Gleichzeitig bringt der ländliche Raum eigene Stärken mit: kürzere Wege zwischen den Akteuren, engere Netzwerke, größere Nähe zur Kommunalpolitik. Cottbus ist ein eindrückliches Beispiel für die Dynamik: Der Ausländeranteil ist von rund 3 Prozent im Jahr 2011 auf über 14 Prozent im Jahr 2023 gestiegen. Die Herausforderung besteht nicht darin, dass Kommunen unvorbereitet wären, sondern dass die Geschwindigkeit des Wandels bestehende Strukturen vor neue Anforderungen stellt.
4. Wir müssen heute Bildungsintegration vielmehr als Querschnittsaufgabe verstehen. Was bedeutet dies für die kommunale Bildungssteuerung? Welche Barrieren bzw. Herausforderungen ergeben sich daraus?
Integration betrifft viele Verwaltungsbereiche gleichzeitig, wie Bildung, Soziales, Jugend, Kreisentwicklung, Ausländerbehörde, aber gehört keinem allein. Dieses „alle sind zuständig, keiner koordiniert“-Problem ist kein Planungsfehler, sondern ein strukturelles Merkmal von Querschnittsthemen. Integration ist das Thema, das an jede Tür in der Verwaltung klopft, aber nirgendwo einen eigenen Schlüssel hat. Querschnittskoordination kann ihr den Generalschlüssel geben. Integration klopft an jede Tür in der Verwaltung, hat aber nirgendwo einen eigenen Schlüssel. Querschnittskoordination gibt ihr den Generalschlüssel – vorausgesetzt, die Hausspitze lässt ihn anfertigen.
Konkret bedeutet das: Selbst eine koordinierende Stelle – ein Integrationsbeauftragter, ein Bildungsbüro – kann die Verwaltung nicht zwingen. Eine Studie von Kühn, Schammann und Bendel zeigt hier sehr nüchtern, dass auch eine Pflichtaufgabe kein Durchgriffsrecht gegenüber anderen Fachbereichen schaffen würde. Die Organisationshoheit bleibt bei der Kommune. Die Qualität der Integrationsarbeit hängt letztlich an der Haltung der Hausspitze und an der Frage, ob es ein politisches Mandat gibt, Integration als Querschnittsthema zu verankern.
„Integration klopft an jede Tür in der Verwaltung,
hat aber nirgendwo einen eigenen Schlüssel. Querschnittskoordination gibt ihr den Generalschlüssel – vorausgesetzt,
die Hausspitze lässt ihn anfertigen.“Dr. Daniel März

Wir sehen das eindrücklich an einer Analogie aus dem Ganztag: Erste Ergebnisse einer bundesweiten Befragung der Landkreise und kreisfreien Städte im Fachnetzwerk kommunales Bildungsmanagement zeigen, dass nur 34 Prozent der Kommunen ihr Bildungsmanagement in die Koordinierung des Ganztags eingebunden haben. Aber dort, wo es eingebunden ist, wird deutlich häufiger datenbasiert gearbeitet, häufiger vernetzt und häufiger Qualität gesichert. In Ostdeutschland ist das Bildungsmanagement sogar nur in 20 Prozent der Kommunen eingebunden, bei 37 Prozent im Westen. Die Infrastruktur ist oft da, aber die strategische Einbindung fehlt. Für die Bildungsintegration heißt das: Die größte Barriere ist nicht das fehlende Wissen, sondern die fehlende Verknüpfung des vorhandenen Wissens über Ämtergrenzen hinweg.
5. Wenn Sie auf die Bildungsintegration seit 2015 schauen: Welche Wirkung und welche Erfolge zeigen sich in der kommunalen Steuerung der Bildungsintegration?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eine unbequeme Erkenntnis zulassen: Der Erfolg kommunaler Bildungssteuerung liegt woanders, als wir ihn lange gesucht haben. Wer nach dem perfekten Bildungsbericht fragt, der direkt zu besseren Entscheidungen geführt hat, wird enttäuscht. Die Governance-Forschung zeigt seit Jahren, dass Kommunales Bildungsmanagement nicht über lineare Steuerungsketten wirkt. Also Daten rein, Bericht raus, bessere Politik. Es wirkt vielmehr über Netzwerkbildung, gemeinsame Problemwahrnehmung und Koordinationsfähigkeit. Und das ist kein Trostpreis, sondern ein genuiner Erfolg.
Ich sehe vier Dimensionen, in denen kommunale Bildungssteuerung seit 2015 Wirkung entfaltet hat.
- Datenkompetenz und Problemsichtbarkeit. Kommunen analysieren präziser, berücksichtigen sozioökonomische Faktoren, schauen auf tatsächliche Bedarfe statt auf gefühlte Probleme.
- Koordinationsfähigkeit. Die Fähigkeit, Akteure zusammenzubringen, die sonst nicht miteinander sprechen, ist gewachsen.
- Ressortübergreifende Neutralität. Bildungsmanagement als „neutrale Stelle“, die nicht einem einzelnen Amt zugeordnet ist, hat sich in vielen Kommunen als Brückenbauer bewährt.
- Strukturelle Verstetigung. In Kommunen wie Emden wurde der Projektverbund zu einem regulären Fachdienst überführt – von der Projektlogik zur Regelstruktur.

Bildungsintegration ist „Kathedralenarbeit“. Aber eine Kathedrale wird nicht erst nutzbar, wenn der letzte Stein gesetzt ist. Schon wenn der Chor steht, können Menschen ihn betreten. Die Strukturen, die vielerorts seit 2015 entstanden sind, tragen bereits heute.
Für Brandenburg konkret: Dass beim Entwicklungsforum in Cottbus über 60 Menschen aus 13 Kommunen zusammenkamen, um gemeinsam über Bildungsintegration zu sprechen, das IST ein Ergebnis dieser Arbeit. Dass es Welcome-Center gibt, dass Bildungsbüros und Integrationsbeauftragte zusammenarbeiten, das ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist das Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit. Integration durch Bildung wird nicht durch ein Konzept gelingen und nicht durch eine engagierte Person. Sie gelingt dort, wo Strukturen entstehen, die über Einzelpersonen und Legislaturperioden hinaus Bestand haben. Das braucht Zeit, Ausdauer und die Bereitschaft, auch mit kleinen Schritten zufrieden zu sein.