Eine Handvoll Fragen an das Fraunhofer IESE zu Start und Umsetzung von Bildungsportalen und digitalen Lösungen
Kommunen kommen bei der Entwicklung von digitalen Lösungen wie etwa Bildungsportalen unterschiedlich voran. Der Erfolg solcher Projekte hängt maßgeblich von den Strategien, Prozessen und Strukturen ab. Doch worauf sollte Verantwortliche grundsätzlich achten?
Emmanuelle Heyer, Smart City Engineer am Fraunhofer IESE in Kaiserslautern, gibt im Interview mit uns Ratschläge zu Start und Verstetigung digitaler Lösungen. Sie erläutert, wie die Abstimmungen zu gemeinsamen Projekten die Erfolgsaussichten verbessern, was es mit dem Gamechanger Künstliche Intelligenz auf sich hat und liefert Praxisbeispiele, die Bildungskommunen inspirieren sollen.
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Kommunen
stärken
Impulse
geben
Vernetzung
fördern
1. Viele Bildungskommunen haben den Aufbau eines Bildungsportals auf der To-Do-Liste. Welche wichtigen Ratschläge sollten sie unbedingt beherzigen?
Der Aufbau eines Bildungsportals ist meiner Meinung nach in vielen Kommunen ähnlich. Daher wäre für mich ein erster Schritt zu schauen, welche Kommunen diese bereits erfolgreich umgesetzt haben. In der Folge wäre es sinnvoll, sich mit anderen Bildungskommunen zusammenzuschließen und gegenseitig von den gemachten Erfahrungen zu profitieren. Dabei geht es nicht nur um Erfahrungen über die technische Konzeption und den Aufbau der Plattform, sondern auch um die gesamten Begleitprozesse. Der spannendste Punkt dabei ist die Integration der technischen Lösung in die kommunalen Bildungsprozesse der Stadt. Um dies erfolgreich umzusetzen, ist neben der Bedarfserhebung bei der Zielgruppe, den Bildungsträgern und innerhalb der Verwaltung auch die Steuerung der Dienstleister*innen, welche die Plattform umsetzten, notwendig.
Kommunen sollten daher die Einführung stärker vom Ende her denken: Dabei ist es wichtig zu reflektieren, welche Vorteile eine Kooperation hätte. Eine gute Marktsondierung zu machen und gemeinsam bereits bestehende Bildungsportale nachzunutzen und anzupassen, erscheint aus meiner Sicht sinnvoll zu sein. Dabei muss man aber bereit sein, Kompromisse einzugehen, um einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu finden, den man gemeinsam weiterentwickelt und sich somit auch zusammen die fortlaufenden Kosten für Betrieb und Wartung teilen kann. Das spart perspektivisch Zeit und Geld, auch wenn zunächst der Aufwand für die Abstimmung etwas höher erscheinen mag. Es ist wichtig, nicht zu schnell in Lösungen zu denken, sondern genug Zeit für die Analyse des Problems und der Herausforderungen einzuplanen.
2. Der Start eines digitalen Projekts ist schwer, die Verstetigung noch schwerer. Wie können Kommunen dabei welche Fehler vermeiden?
Ein digitales Projekt sollte keinen Selbstzweck verfolgen. Dies sieht man leider in der Praxis noch viel zu häufig. Der Startpunkt muss daher immer ein konkreter Bedarf, Nutzen oder eine Herausforderung in der Kommune sein. Wichtig ist es, zu Beginn des Projektes diesen Bedarf sehr genau zu analysieren, am besten eng an der Zielgruppe und den Multiplikatoren orientiert, um daraus die bestmögliche Antwort zu finden – in Form einer digitalen Lösung. Dabei muss es immer Ziel der digitalen Lösung sein, dass die Akteur*innen die Lösung tatsächlich nutzen, weil es ihnen ihr Leben erleichtert.

Eine Lösung, die nicht genau auf das Problem passt, sich nicht in die Abläufe, Kommunikationsprozesse oder Lebensräume der betroffenen Menschen einfügt, wird sich schlichtweg nicht durchsetzen und wieder in der Schublade verschwinden. In der Praxis höre ich oft Sätze wie: „Die Mitarbeitenden haben sich geweigert, das neue Tool zu nutzen“ oder „Keiner nutzt unsere Website, weil alle so bequem geworden sind“. Die Kernfrage sollte aber sein: Erleichtert das neue Tool den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden? Ist die Nutzung für sie nachvollziehbar, oder verursacht es im schlimmsten Fall sogar mehr Arbeit für sie? Das Gleiche gilt beispielsweise auch für Websites: Würden Bürger*innen überhaupt auf die Idee kommen, nach Informationen auf dieser Website zu suchen oder erwarten sie die Informationen auf dem üblichen Stadtportal oder in der Stadt-App? Ein weiterer Aspekt ist die Frage des Betriebs und der Betreuung der Nutzenden nachdem ein etwaiger Förderzeitraum beendet bzw. das initiale Umsetzungsprojekt zu Ende ist. Dafür sollte man sich von Anfang an überlegen, wer ein Interesse daran haben könnte, dass diese digitale Lösung über das Projekt hinaus am Leben bleibt.
Diese Frage hängt oft eng mit dem ersten Punkt zusammen: Wo gibt es ein Bedarf und wer kann oder muss dafür eine Lösung entwickeln? Diese Akteur*innen müssen von Anfang an eingebunden werden. Wichtig ist letztlich auch, keine Parallelstrukturen aufzubauen. Vielleicht gibt es bereits digitale Tools, die in der Verwaltung oder unter den anderen Akteur*innen der Stadtgesellschaft genutzt und erweitert werden könnten.
3. Wie können vorhandene Bildungsstrukturen, -netzwerke, und -akteur*innen vor dem Start und der Realisierungen von digitalen Lösungen aufeinander abgestimmt werden?
Aus meiner Sicht ist Kommunikation ein zentraler Schlüsselfaktor, auch wenn es Zeit und Ressourcen benötig. Initiale Abstimmungen sind wichtig, um ein gleiches Begriffsverständnis zu erreichen. Das hört sich einfach an, aber es ist nun mal nicht unbedingt so, dass alle ungeduldig warten, um sich über das Projekt zu unterhalten. Gerade in Kommunen sind die finanziellen und personellen Ressourcen knapp und der Kalender der kommunalen Gremien bestimmt die Arbeitstaktung. Es kann dauern, bis man sich mit manchen Stellen austauschen kann. Meistens kennen sich die Akteur*innen bereits, haben bereits miteinander gearbeitet oder wissen zumindest voneinander. Es gibt aber auch den Fall, dass die Projekte in Kommunen von neuen Köpfen durchgeführt werden. Es kann sehr wertvoll sein, wenn externe Akteur*innen hinzukommen und dadurch neue Wege gegangen werden. Allerdings muss man dabei darauf achten, nicht an den existierenden Netzwerken und Strukturen vorbeizuarbeiten.
Wir empfehlen, vor Beginn solcher Projekte immer mit den relevanten Multiplikatoren zu sprechen, sich eng mit diesen abzustimmen und eine gute Vorabarbeit zu den existierenden Tools, Recherchen zu den Akteur*innen und ihren Kommunikationswegen zu machen. Es ist auch relevant zu wissen, welche Projekte es bereits gab, gerade auch solche, die vielleicht nicht funktioniert haben. Es lohnt sich, diesen Aufwand zu betreiben, denn es steigert sowohl die Qualität der Projektergebnisse als auch die Akzeptanz und die Verstetigungschancen. Der innere Kreis derer, die das Projekt als Hauptverantwortliche vorantreiben, sollte wiederum nicht zu groß gewählt werden. Wir empfehlen, oft den „Kreis der Willigen“ zu identifizieren und eng mit ihnen zu arbeiten.
4. Künstliche Intelligenz wird allseits gepriesen als Gamechanger: Welche Chancen sehen Sie für Bildungsbüros in der Nutzung von KI bei der Konzipierung, Erstellung und Bearbeitung von Bildungsportalen?
Der Einsatz von KI in Bildungsportalen bietet großes Potenzial, geht jedoch auch mit Herausforderungen einher. Besonders vielversprechend ist der Einsatz dort, wo Effizienzgewinne erzielt werden können, etwa bei der automatisierten Pflege und Strukturierung von Inhalten, der Erkennung veralteter oder doppelter Informationen sowie bei der barrierefreien Aufbereitung. Darüber hinaus kann KI zur Qualitätssicherung beitragen, beispielsweise durch die Prüfung auf Unvollständigkeit, Unklarheiten oder Plagiate.
„Es ist wichtig, nicht zu schnell in Lösungen zu denken, sondern genug Zeit für die Analyse des Problems und der Herausforderungen einzuplanen.“
Emmanuelle Heyer

Auch als unterstützende Schnittstelle zu den Nutzern ist der Einsatz denkbar, etwa um sie bei der Suche nach passenden Bildungsangeboten zu unterstützen oder häufige Anfragen automatisiert zu beantworten und damit wiederkehrende Aufgaben zu reduzieren. Gleichzeitig sollte stets geprüft werden, ob der Einsatz einer KI-Komponente tatsächlich erforderlich ist oder ob sich die angestrebten Prozesse auch mit klassischen Softwarelösungen abbilden lassen. Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Einsatz ist zudem, dass die beteiligten Akteure entsprechend geschult und für den Umgang mit KI sensibilisiert werden. Der Aufbau von Daten- und KI-Kompetenz ist dabei nicht nur für digitale Projekte, sondern auch für die Arbeit im kommunalen Kontext von zentraler Bedeutung.
5. Sie begleiten Smart-City-Projekte: Von welchen Praxisbeispielen und Angeboten können sich Bildungskommunen inspirieren lassen?
Das Programm Modellprojekte Smart Cities bietet eine beeindruckende Bandbreite an digitalen Projekten, die in 73 Kommunen unterschiedlicher Größe geplant und umgesetzt werden. Dabei wird kein Handlungsfeld ausgelassen: Die Themen reichen von Mobilität über Daseinsvorsorge bis hin zur Klimafolgenanpassung. Auf der Website des Smart City Dialogs finden sich einige hilfreiche Veröffentlichungen für nicht geförderte Kommunen. In der Maßnahmendatenbank kann man sich einen Überblick darüber verschaffen, welche der 650 Maßnahmen in welchen kommunalen Handlungsfeldern umgesetzt werden.
Wertvoll ist es, nicht nur auf den Bildungsbereich zu schauen, sondern auch herauszufinden, welche Kommune in der eigenen Region durch das Programm gefördert wird. So lässt sich eine Zusammenarbeit leichter aufbauen. Wenn es ins Detail gehen soll, bieten die Smart City Lösungen umfassende Informationen zu ausgewählten Projekten, darunter Ausgangsbedingungen, Ziele, Kosten, Erfolgsfaktoren, Umsetzungsschritte sowie Details zur notwendigen technischen Infrastruktur. Zudem gibt es zahlreiche Publikationen und Medien, die verschiedenen inhaltlichen und prozessualen Aspekte digitaler Projekte im kommunalen Kontext beleuchten. Wer beim Lernen unterstützt werden möchte, kann an der Smart City Akademie des Programms teilnehmen. Diese ist kostenlos und ermöglicht einen Wissensaufbau durch Expert*innen sowie durch Beiträge geförderter Kommunen. Ein besonders beliebtes Format sind die Peer-Learnings. Hier treffen sich Kommunen mit ähnlichen Ausgangslagen sowie Modellprojekte Smart Cities mehrfach zum Wissensaustausch. Die Peer-Learnings können regional oder themenbezogen angelegt sein, wie zum Beispiel zu den Themen Digitale Zwillinge, Datenplattformen, Geodatenmanagement oder Bürgerbeteiligung.

Vielen Dank für das Gespräch!
Dieses Interview entstand im Rahmen der „Arbeitsgruppe ‚Bildungsportale und digitale Lösungen‘ des Fachnetzwerks für kommunales Bildungsmanagement“.