Eine Handvoll Fragen an Prof. Dr. Rudolf Kammerl zur gerechten Gestaltung analog-digital vernetzter Bildungslandschaften
Chancengerechtigkeit kann von Digitalisierung profitieren, wenn die richtigen Maßnahmen ergriffen werden. Wie Kommunen beispielsweise dem Digital Gap begegnen können, erklärt Prof. Dr. Rudolf Kammerl in der aktuellen Ausgabe der Handvoll Fragen.
Florian Neumann von der REAB Bayern Nord und Dr. Stefanie Hildebrandt von der REAB Brandenburg trafen Prof. Dr. Rudolf Kammerl, Professor für Erziehungswissenschaften und Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und sprachen mit ihm darüber, wie es zukünftig gelingen kann, analog-digital vernetzte Bildungslandschaften chancengerecht weiterzuentwickeln und was hierbei in Bezug auf die Entwicklung von Bildungsportalen und den Einsatz von KI zu beachten ist.
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Kommunen
stärken
Impulse
geben
Vernetzung
fördern
1. Sie forschen zu Sozialisations- und Bildungsprozessen im Kontext einer tiefgreifend mediatisierten Gesellschaft.
Mit welchen Risiken sind wir in einer digital geprägten Gesellschaft konfrontiert?
Mit dem digitalen Wandel gehen viele Vorteile, aber auch viele Risiken einher. Über das Internet kann ich mit problematischen Inhalten, Personen und kommerziellen Strategien in Kontakt kommen. Über eine exzessive Nutzung von Social Media und Games kann mein Nutzungsverhalten selbst zum Problem werden. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz hat mit einem Gefährdungsatlas eine Übersicht zusammengestellt. Nach dem aktuellen Jugendschutzbericht sind sexualisierte Gewalt und extremistische Hassinhalte besonders zentrale Probleme. Davon sind natürlich nicht nur Kinder und Jugendliche betroffen, sondern auch Erwachsene kennen die Problematiken. Sie sind auch Cyberkriminalität ausgesetzt, die zum Beispiel auf Betrug, Erpressung oder Love Scamming ausgerichtet ist. Künstliche Intelligenz verschärft die Problematiken zusätzlich deutlich. Die Möglichkeit, mit wenigen Mausklicks massenhaft Fakes in einer Qualität zu erzeugen, die nicht mehr von der Realität unterschieden werden kann, birgt auch das Risiko, dass Orientierung gestört und Vertrauen in die Demokratie untergraben wird.

2. Die KI verändert unser Leben gerade rapide. Was müssen wir wissen, wenn wir über die Gestaltung von analog-digital vernetzten Bildungslandschaften sprechen?
Die Entwicklung bei den KI-gestützten Anwendungen schreitet derzeit sehr schnell voran. Wir sind alle Lernende und müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir in unserem Lebensalltag, im Beruf, aber auch in der Freizeit die Chancen realisieren können und wir benötigen anschauliche Aufklärung über Gefahren und deren Vermeidung. Heute spielen dabei schon für viele Menschen digitale Lerngelegenheiten eine große Rolle, zum Beispiel informelles Lernen über Videoformate und Foren, aber auch in der Anleitung durch KI-Anwendungen. Für den Großteil der Bevölkerung gilt aber weiterhin, dass es attraktiv bleibt, vor Ort in sozialen Gruppen zu lernen, und dass viele auch eine direkte persönliche Unterstützung durch kompetente Ansprechpartner wollen oder benötigen. Bei der Gestaltung von analog-digital vernetzten Bildungslandschaften kann beides zusammengebracht werden.
3. Die KI kann den Digital Gap verschärfen oder verringern. Entscheidend sind Zugang, Kompetenzen und Einbettung. Was heißt dies, wenn wir über den Aufbau von kommunalen Bildungsportalen sprechen?

Aufgrund sozioökonomischer Hürden ist der Zugang zur KI-Anwendungen gerade bei Profi-Abos sehr ungleich. Sozial benachteiligte Gruppen sind in den Trainingsdaten für KI weniger repräsentiert und haben darüber hinaus in Teilen auch stärkeren Unterstützungsbedarf. Wird darauf nicht reagiert, könnten diese stärker abgehängt werden. Im Rahmen eines kommunalen (Medien-)Bildungsplans sollte ein kontinuierliches Monitoring stattfinden und aktuelle und bedarfsgerechte Angebote sollten sichergestellt werden. Damit die Bildungsangebote wahrgenommen werden, benötigt es eine zielgruppengerechte Ansprache. Neben der Gestaltung der Bildungsportale ist eine an den konkreten Zielgruppen orientierte Kommunikationsstrategie meiner Meinung nach von besonderer Bedeutung. KI kann hier gut unterstützen.
4. Die digitale Kompetenzentwicklung ist ein Dreh- und Angelpunkt, damit Bildung und Teilhabe gelingt. Was empfehlen Sie den Kommunen, wie sie hier wirksam werden können?
Ausgehend von einer Analyse der bestehenden Bildungsangebote und der möglichen Bedarfe sollten mit Blick auf ein ganzheitliches Bildungsverständnis, wie sie die Referenzrahmen der EU und der KMK vertreten werden, Maßnahmen entwickelt werden und umgesetzt werden, die über die verschiedenen Bildungsbereiche und -phasen hinweg kontinuierlich Kompetenzentwicklung ermöglichen. Gerade im Bereich der digitalen Kompetenzentwicklung ist – gestützt von Kriterien und Kennzahlen aus Evaluation und Controlling – kontinuierliche Weiterentwicklung nötig.
„Damit die Bildungsangebote wahrgenommen werden, benötigt es eine zielgruppengerechte Ansprache. Neben der Gestaltung der Bildungsportale ist eine an den konkreten Zielgruppen orientierte Kommunikationsstrategiemeiner Meinung nach von besonderer Bedeutung.
KI kann hier gut unterstützen.“Prof. Dr. Rudolf Kammerl

5. Wenn Sie in das Jahr 2030 schauen, was würden Sie sich bis dahin in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit und Digitalität wünschen?
Wir haben heute noch die Situation, dass in vielen Bundesländern digitalitätsbezogene Bildungsangebote nicht ausreichend verankert sind und auch vor Ort wenig non-formale Angebote bestehen, um entsprechend der individuellen Bedarfe digitalitätsbezogene Kompetenzen zu erwerben. Gleichzeitig ist die Entwicklung unserer Gesellschaft ohne Zweifel mit den Chancen und Risiken der digitalen Transformation eng verknüpft. Ich wünsche mir, dass wir als Bildungsnation bis 2030 jedem Menschen ausreichend Bildungsgelegenheiten anbieten, um die digitale Transformation für alle transparent, sozial gerecht und nachhaltig demokratisch gestalten können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Dieses Interview entstand im Rahmen der „Arbeitsgruppe ‚Bildungsportale und digitale Lösungen‘ des Fachnetzwerks für kommunales Bildungsmanagement“.