Eine Handvoll Fragen zu Kooperationsstrukturen in der Erwachsenenbildung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Ostbelgien
Im Rahmen einer Erasmus+ Mobilität trafen wir Liliane Mreyen, Leiterin des VHS Bildungsinstituts bei der Christlichen Arbeiterbewegung in Ostbelgien in Eupen und Patrick Meyer Vorsitzender des Rats für Erwachsenenbildung der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Ostbelgien.
Gemeinsam sprachen wir über die Rolle der Erwachsenenbildung und des Ehrenamtes für eine demokratische und zukunftsfähige Gesellschaft. Dabei verrieten sie uns, wie sie die Erwachsenenbildung in Ostbelgien neu denken und welche Relevanz dabei die Stärkung von Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt haben. Drei Schlagworte sind dabei zentral: Nähe, Vernetzung und Mut.
© kobra.net
Kommunen
stärken
Impulse
geben
Vernetzung
fördern
1. Die Deutschsprachige Gemeinschaft in Ostbelgien verzeichnet ähnlich wie auch Brandenburg einen immer stärker werdenden demographischen Wandel. Um diesem Trend zu begegnen, setzen Sie auf die Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe und das Schaffen guter Lebensbedingungen vor Ort.
Welchen Stellenwert nimmt hierbei die Erwachsenenbildung ein?
Liliane Mreyen: Für uns als Bildungsträger der Christlichen Arbeiterbewegung in Ostbelgien ist die gesellschaftliche Teilhabe fest im Leitbild verankert. Unser Ziel ist es, das „Miteinander“ in der Deutschsprachigen Gemeinschaft lebendig zu halten – gerade dann, wenn sich Strukturen, etwa durch den demografischen Wandel, massiv verändern.
Die Volkshochschule bietet den Menschen den Raum, sich fundiert zu informieren, mit anderen in den Dialog zu treten und den eigenen Horizont zu erweitern. Dies stärkt die individuelle Meinungsbildung und gibt den Einzelnen den Rückhalt, ihre Positionen selbstbewusst zu artikulieren. Das Konzept unserer Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass Bildung der zentrale Schlüssel zur Teilhabe ist. Ob berufliche Qualifizierung, persönliche Entfaltung oder politische Bildung: Unser Angebot befähigt Menschen dazu, ihr Umfeld aktiv mitzugestalten. Dabei spielen die Förderung von Mitsprache und Partizipation sowie die Begeisterung für gesellschaftliche Themen über alle Altersklassen hinweg eine tragende Rolle.

© Aneta Szcześniewicz
Neben der politischen Bildung nimmt dabei die persönliche Weiterentwicklung im Rahmen des lebenslangen Lernens einen hohen Stellenwert ein. Nur wer geistig beweglich und neugierig bleibt, begegnet den Anforderungen moderner Lebenslagen mit Zuversicht. Diese Offenheit ist die Voraussetzung dafür, sich spannenden Diskussionen zu stellen, gemeinsam Ideen zu entwickeln und sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Darüber hinaus eröffnet der Ausbau von Kompetenzen – ungeachtet der sozialen Herkunft – neue berufliche Chancen. Dies schafft wertvolles Potenzial für die Bevölkerung und stärkt die Zukunftsfähigkeit der gesamten Region.
Die Erwachsenenbildung übernimmt hierbei eine entscheidende Funktion: In einer Zeit, in der die Gesellschaft altert und die Digitalisierung das Tempo vorgibt, besteht die Gefahr, dass ganze Gruppen den Anschluss verlieren. Wir schaffen Orte der Begegnung, die dieser Isolation entgegenwirken. Besonders für unsere neuen Mitbürger sind diese Austauschmöglichkeiten von elementarer Bedeutung für eine gelungene Integration. Gelebte Teilhabe verhindert Vereinsamung und schenkt Lebensqualität. Wer aktiv bleibt und Neues lernt, bleibt nicht nur länger gesund, sondern nimmt auch intensiver am öffentlichen Leben teil – eine Bereicherung für den Einzelnen und eine Entlastung für das gesamte soziale System.
2. Die Deutschsprachige Gemeinschaft besteht aus kleineren Gemeinden und einem nicht zusammenhängenden ländlichen Gebiet. Wie begegnen Sie dieser räumlichen Ausgangslage?
Liliane Mreyen: Das ist in der Tat unsere tägliche Herausforderung. Aufgrund unserer ländlichen Struktur und der Aufteilung zwischen dem Norden rund um Eupen und der Eifel im Süden der Deutschsprachigen Gemeinschaft können wir nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns kommen. Wir müssen aktiv zu ihnen gehen und ihnen die Möglichkeit kurzer Wege bieten. Dies umfasst natürlich ein hohes Engagement der Kursleiter und Referenten, die oft lange Wege auf sich nehmen müssen. Trotzdem sehen wir es als unsere Aufgabe, den ländlichen Bereich nicht zu vernachlässigen.
Für viele Zielgruppen sind reine Online-Angebote keine ideale Lösung. Es fehlt schlichtweg die Nähe zum Gegenüber und die Möglichkeit, in den direkten Austausch mit anderen Menschen zu treten.
3. Sie setzen in der Erwachsenenbildung auf Kooperation. Was sind Ihre Beweggründe und was zeichnet diese aus?
Liliane Mreyen: Das ist ein entscheidender Punkt. Man könnte zwar meinen, es sei effizienter, alles zentral ‚aus einer Hand‘ und unter einem Dach zu regeln. Doch für uns als VHS in einem so eng vernetzten Raum wie der Deutschsprachigen Gemeinschaft wäre das ein strategischer Fehler.
Wir setzen ganz bewusst auf Netzwerk-Modelle, und das aus drei wesentlichen Gründen: Ressourcenbündelung, Reichweite und Vertrauensbildung. Kooperationen schaffen einen inhaltlichen Mehrwert, von dem alle Partner gleichermaßen profitieren. Natürlich setzt dieser Weg ein hohes Maß an Offenheit, enger Zusammenarbeit und Flexibilität voraus.
„Eine zukunftsfähige Bildungslandschaft muss Räume schaffen, die sich nicht nach „Schulbank“ anfühlen.“
Liliane Mreyen

Dabei endet unser Horizont nicht an der Landesgrenze: Wir setzen gezielt auf grenzüberschreitende Kooperationen. Der Blick über den Tellerrand hat uns bereits viele wertvolle Impulse geliefert und gezeigt, dass wir durch den Austausch mit ausländischen Partnern innovative Lösungen für unsere heimischen Herausforderungen finden.
4. Für die Deutschsprachige Gemeinschaft wird aktuell eine Reform der Erwachsenenbildung vorbereitet. Was macht die Reform erforderlich und was ist neu?
Patrick Meyer: Das ist für uns ein sehr aktuelles Thema. Wir stehen in der Erwachsenenbildung vor einer grundlegenden Reform, die nach fast zwei Jahrzehnten notwendig geworden ist.
Wenn Sie mich nach dem ‚Warum‘ fragen: Das bisherige System war stark auf das reine ‚Abrechnen‘ von Stunden und Teilnehmerzahlen fokussiert. Doch Erwachsenenbildung ist weit mehr als reine Wissensvermittlung und Statistik. Der Ruf nach mehr Flexibilität und Bürokratieabbau wurde gehört und mit Spannung erwarten wir nun das neue Regelwerk, das in Kooperation mit allen Erwachsenenbildungsträger in vielen Diskussionen miteinander gewachsen ist. Der Kern dieser Reform soll ein mutiger Schritt werden, weg von reiner Quantität – also korrekt ausgefüllten Kurslisten – hin zu einer konsequenten Qualitäts- und Wirkungsorientierung.
Der Wunsch geht nach einer besseren inhaltlichen Ausrichtung, das was bei den Teilnehmenden ankommt. Zum Beispiel: Wurden ihre Kompetenzen gestärkt? Hat sich die gesellschaftliche Teilhabe verbessert? Werden Prozesse kritisch hinterfragt? Gibt es gesellschaftliche Trends, auf die wir reagieren müssen?
Wir hoffen, dass sich die Erwachsenenbildung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft vom reinen Kursanbieter zum strategischen Entwicklungspartner für die Region entwickelt. Wir möchten unseren Erfolg nicht mehr an der bloßen Anzahl der Kurseinheiten messen, sondern an der Stärke der Impulse, die wir in die Gesellschaft senden.
Auch gibt uns die Reform den Rahmen, unsere eigenen Prozesse kritisch zu hinterfragen und professioneller aufzustellen und viel schneller auf neue gesellschaftliche Trends und Themen zu reagieren.
5. Mit Blick auf Ihre Erfolge im Rahmen der Erwachsenenbildung: Welche Gelingensbedingungen gibt es aus Ihrer Sicht, um eine zukunftsfähige Erwachsenenbildungslandschaft zu fördern?
Liliane Mreyen: Ich denke, um den hohen Stellenwert der Erwachsenenbildung in Ostbelgien bestmöglich zu umschreiben, fällt mir spontan ein: Beziehung mit den Menschen und Teilhabe an der Gesellschaft.

Die soziale Komponente unserer Arbeit ist dabei kaum zu überschätzen. Menschen kommen zwar wegen der Inhalte und des fachlichen Austauschs zu uns, aber sie bleiben wegen der Gemeinschaft. Eine zukunftsfähige Bildungslandschaft muss Räume schaffen, die sich nicht nach „Schulbank“ anfühlen. Unsere Angebote entfalten ihre größte Wirkung dort, wo eine Atmosphäre des Vertrauens und eine Begegnungskultur auf Augenhöhe herrschen. Das erfordert von uns als Träger ein hohes Maß an Empathie und Flexibilität.
Die VHS Ostbelgien versteht sich als aktiver Teil eines lebendigen Netzwerks. Wir kooperieren eng mit anderen Bildungsanbietern, Hochschulen und der Zivilgesellschaft. Besonders stark sind wir dann, wenn wir die Synergien mit lokalen Akteuren nutzen – sei es mit der Sozialökonomie, den ÖSHZ oder den Kulturvereinen. Nur durch diesen engen Schulterschluss entstehen Angebote, die den tatsächlichen Bedarf der Menschen treffen.
Wir müssen mutig darüber sprechen, was Erwachsenenbildung konkret bewirkt und zeigen, wie Bildung Lebenswege verändert: Sei es die Seniorin, die dank neu gewonnener digitaler Kompetenz per Videochat mit ihren Enkeln verbunden bleibt, oder der Geflüchtete, der durch einen Sprachkurs den Weg in den ersten Arbeitsvertrag findet. Diese Erfolgsgeschichten sind der beste Beleg für die Relevanz unserer Arbeit und sichern uns die notwendige Unterstützung seitens der Politik und Gesellschaft.
In einer eng vernetzten Gemeinschaft wie der unseren ist das bürgerschaftliche Engagement weit mehr als eine bloße Ergänzung – es ist die Basis unseres Zusammenlebens. Ohne das Ehrenamt würde das gesellschaftliche Getriebe in der DG an vielen Stellen stillstehen.
Hier verstehen wir uns als Rückenwind für das Ehrenamt. Die Anforderungen an Freiwillige sind heute komplexer denn je: Ob Datenschutz im Sportverein, moderne Buchführung oder die Gewinnung von Nachwuchs für Vorstandsposten – wir geben den Ehrenamtlichen das nötige Handwerkszeug mit. So entsteht ein wertvoller Kreislauf: Bildung qualifiziert und stärkt das Ehrenamt, und das Ehrenamt wiederum trägt Bildung und Engagement zurück in die Gesellschaft.
Unser Fazit für eine zukunftsfähige Erwachsenenbildungslandschaft:
- Nah am Menschen bleiben, Ihre Bedürfnisse erkennen und präsent sein, wo sie leben.
- Gut vernetzt bleiben, Kooperationen stärken, lokal, regional und über Grenzen hinaus.
- Den Mut und die Bereitschaft haben, sich als Institution ständig neu zu erfinden.
Wenn dieses Fundament stimmt, ist Erwachsenenbildung der entscheidende Hebel für eine gute Zukunft in einem demokratischen Europa.
Vielen Dank für das Gespräch!
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Kontakt
Katharina Vogel
FACHBERATERIN
für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), non-formale Bildung und sozialräumliches Bildungsmonitoring
Tel.: 0331 – 7048 8305
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