„Wir wollen miteinander statt übereinander reden“

Mit einem Monat der politischen Bildung hat die Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Słubice ein Zeichen für Demokratie gesetzt. Natalia Majchrzak und Sören Bollmann vom Bildungsbüro teilen ihre Erfahrungen mit dem Projekt. Gleich neben dem hellen Foyer des Rathauses von Frankfurt (Oder) befinden sich die Räume des Frankfurt-Słubicer Kooperationszentrums. Es gestaltet seit 15 Jahren die Zusammenarbeit beider Stadtverwaltungen. 2015 ging daraus das Bildungsbüro hervor, das sich aktuell der kulturellen und politischen Bildung sowie der Fachkräftesicherung zuwendet.

Wie es sich für eine deutsch-polnische Doppelstadt gehört, ist auch das Team des Bildungsbüros Frankfurt (Oder) zweisprachig. Leiter Sören Bollmann kommt ursprünglich aus Duisburg, Natalia Majchrzak, zuständig für Bildungsmonitoring und Koordinatorin des BMBFSFJ-Förderprogramms „Bildungskommunen“, stammt von der polnischen Seite der Oder. Sie sind stolz darauf, verwaltungsübergreifend Bildungsprojekte zu initiieren. Zuletzt war dies ein Monat der politischen Bildung, bei dem auch Menschen aus Deutschland und Polen zusammenkommen.

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Kommunen

stärken

Impulse

geben

Vernetzung

fördern

Sören Bollmann: In unserer Zusammenarbeit zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice hatten Bildungsthemen von Anfang an einen hohen Stellenwert. Zu Beginn haben wir viele Projekte organisiert, die auf den Erwerb der Nachbarsprache abzielten. Das ist ein dickes Brett. Als wir von dem Ansatz der Bundesregierung hörten, Kommunen in der Bildungsarbeit zu stärken, haben wir das von Anfang an als Chance begriffen, auch unsere grenzüberschreitenden Themen voranzubringen, also Netzwerke zu schaffen, in beiden Städten Gremien aufzubauen und die Themen auch auf regionaler und auf Landesebene stärker zu positionieren.

Sören Bollmann: Zu dem Schwerpunkt Nachbarsprache, der sich von der Kita bis zur Seniorenakademie zieht, sind die kulturelle und die politische Bildung sowie die Fachkräftesicherung dazugekommen. Diese drei Themen machen das Feld sehr viel breiter. Aber dadurch hat auch unsere grenzüberschreitende Zusammenarbeit eine Bereicherung erfahren, weil das Thema Nachbarsprache breiter aufgestellt wurde und viele andere Themen und Akteur*innen dazu kamen, gerade in den Bereichen kulturelle und politische Bildung.

Sören Bollmann: Mit der Förderrichtlinie der Bildungskommunen, die wir seit 2023 umsetzen, versuchen wir die Netzwerkarbeit zwischen den Bildungsakteur*innen noch weiter zu stärken. Es gibt eine Zusammenarbeit der großen kulturellen Akteur*innen wie der Museen oder Konzerthäuser. Da haben wir uns in ein bestehendes Netzwerk eingeklinkt und dann verschiedene Angebote eingebracht, zum Beispiel die deutsch-polnische Seniorenakademie, eine Initiative, die seit über 25 Jahren besteht. Mehrfach im Jahr gibt es einen Vortrag, dann eine Diskussion, mal von der deutschen, mal von der polnischen Seite. Immer wird gedolmetscht, damit Senior*innen aus beiden Städten teilnehmen können. Eine Mitarbeiterin aus unserem Team hat sich sehr stark engagiert, die Seniorenakademie weiterzuentwickeln. Das hat gewirkt. Heute kommen sehr viel mehr Leute als früher.

Natalia Majchrzak: Wir haben in den vergangenen Jahren mehrere Bildungsberichte erstellt, unter anderem zur Mehrsprachigkeit in der Doppelstadt. 2021 erschien ein Bericht zur Beruflichen Bildung und Orientierung. Berichte zur kulturellen und politischen Bildung, besonders zum Monat der politischen Bildung, sind geplant, von denen wir uns auch weitergehende Handlungsempfehlungen erwarten. Momentan liegen sie allerdings noch nicht vor. Wir betrachten das als Prozess. Uns ist es wichtig, in die Tiefe zu gehen. Den nächsten Bericht werden wir auf Basis eines standardisierten Fragebogens zu kulturellen Bildungsangeboten veröffentlichen, der aktuell durch das Konsortium Bildungsmonitoring entwickelt und abgestimmt wird, damit die Indikatoren und Kennzahlen zu kultureller Bildung universell nutzbar sind. Die Ergebnisse sollen dann auch mit unserem Bildungsportal verknüpft werden.

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Natalia Majchrzak: Das Bildungsportal ist Teil unserer Arbeit in der Bildungskommune. Es soll Bürger*innen einen Überblick bieten, welche Bildungsakteur*innen es in Frankfurt (Oder) und Słubice gibt, von Kitas über Schulen, Akteur*innen der politischen Bildung bis hin zu Angeboten zur Fachkräftesicherung. Durch Umfragen bei Bürger*innen sowie Präsenz-Workshops mit den lokalen Bildungsakteur*innen erarbeiten wir deren Bedarfe und schärfen das Profil des Bildungsportals. Gleichzeitig ermöglichen wir auf diesem Weg Teilhabe und können für uns Prozesse besser definieren. Für Bürgerinnen und Bildungsakteur*innen soll das Portal eine Orientierung geben und zugleich den Netzwerkgedanken weiterleben lassen. Uns ist wichtig, dass die drei von uns definierten Arbeitsbereiche – kulturelle und politische Bildung sowie Fachkräftesicherung – nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern dass wir Synergien bilden.

Sören Bollmann: Für uns gehört Kooperation und Netzwerkarbeit zur raison d’être. Das ist Teil unserer DNA. Es bringt einen riesigen Mehrwert, wenn man zusammenarbeitet. In Verwaltungen macht erstmal jeder nur das, was in seine Zuständigkeit fällt. Aber gerade im Bildungsbereich ist das nicht angemessen. Wir als Kooperationszentrum sind eine relativ neue und untypische Einheit in der Verwaltung. Uns gibt es aufgrund der Erkenntnis, dass es absolut notwendig ist für die Entwicklung der beiden Städte Frankfurt (Oder) und Słubice in allen möglichen Bereichen stärker miteinander zu kooperieren. So entstand auch der Monat der politischen Bildung, der im November 2025 erstmals stattfand.

Natalia Majchrzak: Die Netzwerkarbeit ist enorm wichtig. Viele Akteur*innen wenden sich an uns, wenn sie Kontaktpartner*innen suchen, nicht nur in der Bildung. Wir recherchieren dann, um ihnen zu helfen. Bereits 2016 sind im Rahmen der Förderrichtlinie „Bildung integriert“ drei Gremien entstanden und verstetigt worden: der Bildungsbeirat als strategisches Gremium, die AG Bildung als verwaltungsinternes Gremium und das Bildungsforum als partizipatives Veranstaltungsformat.

Sören Bollmann: In einer Situation, in der die Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet, redet jeder über alles mit, aber wenig miteinander. Wer am lautesten ein Thema positioniert, wird oft am meisten gehört. Politischer Diskurs findet aber kaum statt, sei es zwischen deutscher und polnischer Bevölkerung, zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft, Jung und Alt. Dieser Situation wollten wir durch den Monat der politischen Bildung begegnen, indem wir die Menschen wieder ins Gespräch bringen und demokratisch-rechtsstaatliche Werte in den Vordergrund stellen. Wir wollten dieses Potenzial, das wir in beiden Städten sehen, stärker sichtbar machen und die aktive Netzwerkarbeit zwischen unterschiedlichen Institutionen wie den Museen, Bibliotheken, der Jüdischen Gemeinde, der VHS, Kinos, Kirchen und Vereinen zu einem gemeinsamen Ergebnis bringen. Dafür haben wir mehr als 40 Veranstaltungen in diesem Monat gebündelt. Das gelingt, wenn man sich auf ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Format verständigt.

Sören Bollmann: Im Frühjahr vergangenen Jahres haben wir die Idee geboren. Ein gutes Vorbild hatten wir aus der Stadt Cottbus/Chóśebuz, die schon zwei Jahre vorher eine Woche der politischen Bildung initiiert hat, und mit der wir im Rahmen der Programmförderung „Bildungskommunen“ sehr intensiv zusammenarbeiten. Da haben wir gesehen: Das funktioniert. Damit können wir die Akteur*innen und Bürger*innen zusammenbringen. Und weil wir zwei Städte sind und nicht nur eine, haben wir gleich einen Monat der politischen Bildung daraus gemacht.

Natalia Majchrzak: Unser Titel lautete „Grenzerfahrungen“. Das ist nicht nur geografisch, sondern auch metaphorisch zu betrachten. Wo sind unsere Grenzen? Wann werden sie überschritten in der Politik, in der Debatte? Wie viel können wir aushalten?

Natalia Majchrzak:  Wir haben Menschen mit sehr unterschiedlichen Haltungen und Hintergründen miteinander ins Gespräch gebracht und das etwas sperrige Thema „politische Bildung“ mit Leben gefüllt. Das sehe ich als Erfolg.

Sören Bollmann: Ich denke, mit einem längeren Vorlauf hätten wir einige Gruppen noch besser erreichen können. Zukünftig wollen wir mit den Schulen enger zusammenzuarbeiten, aber auch mit außerschulischen Bildungsträgern. Ein Format, die deutsch-polnische Jugendkonferenz, wird es auch weiterhin geben. Eine weitere Gruppe, die wir noch mehr erreichen wollen, sind erwachsene, erwerbstätige Personen. Ihre stärkere Einbindung haben wir uns für 2027 vorgenommen.

Sören Bollmann: Ich erinnere mich an eine Diskussion in der Stadtverordnetenversammlung. Der Vorwurf lautete, unser Programm sei einseitig im Hinblick auf Rechtsextremismus als Gefahr. Wir haben dann darauf hingewiesen, dass es erstens auch eine Veranstaltung zum Linksextremismus gibt, und wir zweitens im Netzwerk von 20 Akteur*innen der Meinung sind, dass Rechtsextremismus in unserer Region eine besondere Herausforderung und damit ein Schwerpunkt des Programms ist.

Sören Bollmann: Ja, zumindest bis 2028. Eine große Bestätigung war für uns die Nominierung unseres Projekts durch das „The Innovation and Politics Institute“ in Wien. Es vergibt seit 2017 Preise für politische Innovation und wir sind nominiert in den Kategorien „Demokratie“ und „Bildung“. Das ist für uns eine große Anerkennung.

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Natalia Majchrzak: Wir sehen bei vielen polnischen Grenzpendler*innen, dass sie mangelnde Sprachkenntnisse daran hindern, sich weiter zu qualifizieren. Sie haben einen Beruf erlernt, arbeiten aber als Hilfskräfte. Wir bemühen uns, die Motivation zum Sprachenlernen zu erhöhen und zu zeigen: Wenn du die Sprache besser kannst, hast du bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich werben wir für dieses Alleinstellungsmerkmal unserer Region: Hier kannst du die Nachbarsprache im Alltag erlernen.

Natalia Majchrzak: Das Bildungsforum veranstalten wir in diesem Jahr zum achten Mal. Unser Fokus liegt dieses Mal auf der Fachkräftesicherung und Mehrsprachigkeit. Die Idee entstand unter anderem deshalb, weil wir Mitglied im Brandenburger Rat für Mehrsprachigkeit sind, der in diesem Jahr auch mit einem Fachtag beim Bildungsforum vertreten ist. Während der Schwerpunkt in der Vergangenheit auf Schulen lag, widmen wir uns diesmal stärker dem Berufsleben und verbinden das Thema Fachkräftesicherung mit Mehrsprachigkeit. Fachkräftesicherung kann dort beginnen, wo Vielfalt als Stärke gesehen wird. Das meint auch die Sprachkenntnisse.

Sören Bollmann: In fünf Jahren gibt es hoffentlich mehr Verständnis für den Wert von Netzwerkarbeit und Austausch, sodass wir dann seltener mit der Aussage konfrontiert werden: Ihr macht ja nur Netzwerkarbeit. Ist das denn nötig? Warum macht ihr nicht mehr? Zweitens wünsche ich mir, dass unsere jetzt noch befristeten Stellen dann unbefristet sind. Für unsere Arbeit ist Sicherheit notwendig. Drittens wünsche ich mir, dass wir weiterhin Best Practice-Beispiele aus anderen Kommunen kennenlernen – aus Brandenburg, Deutschland aber auch aus Europa. Nur durch das Vorbild aus Cottbus/Chóśebuz sind wir darauf gekommen, einen Monat der politischen Bildung zu organisieren.

Natalia Majchrzak: Ich wünsche mir, dass wir das Bildungsmonitoring ebenso verstetigen, wie uns das mit dem Bildungsmanagement gelungen ist. Wichtig ist mir auch die weitere Stärkung der Nachbarsprachen, denn das ist ein Alleinstellungsmerkmal unserer Region.


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