Inspiration Ostbelgien: Wie Brandenburger Städte in der Deutschsprachigen Gemeinschaft ein Paradebeispiel finden

Nur wenige Kilometer von Aachen entfernt liegt Eupen – eine Stadt mit rund 20.000 Einwohner*innen und politisches Zentrum der deutschsprachigen Minderheit Belgiens. Hier befinden sich Parlament, Regierung und Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG), die rund 80.000 Menschen umfasst. Im April 2026 reiste eine Delegation von Verwaltungsmitarbeitenden der Bildungsbüros und Volkshochschulen aus den Brandenburger Städten Cottbus/Chóśebuz, Frankfurt (Oder) und Potsdam gemeinsam mit der REAB Brandenburg in die ostbelgische Stadt. Anlass war ein durch Erasmus+ gefördertes Job Shadowing im Rahmen des Qualitätszirkels für non-formale Bildung, in dem sich die drei Städte regelmäßig zu Strategien kommunaler Bildungssteuerung austauschen. Im Mittelpunkt der Reise stand die Erwachsenenbildung – und die Frage, wie non-formale Bildungsangebote wirksam, bürger*innennah und zukunftsorientiert gestaltet werden können.

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Mehrsprachigkeit prägt Alltag und Identität

Belgien ist föderal organisiert und gliedert sich nicht nur in die Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel-Hauptstadt, sondern auch in drei Sprachgemeinschaften: die Flämische, die Französische und die Deutschsprachige Gemeinschaft mit jeweils eigenen Befugnissen. Jede hat ihre Zuständigkeiten, zum Beispiel für Kultur, Sprache, Unterrichtswesen und andere personengebundene Angelegenheiten und mit einer eigenen Regierung. Das Gebiet der DG liegt an der Grenze zur Französischen Gemeinschaft, ist Teil der Region Wallonien und grenzt zudem an Deutschland, die Niederlande und Luxemburg – eine Lage, die den Alltag der Menschen prägt. Mehrsprachigkeit, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und das Leben als sprachliche Minderheit gehören hier ganz selbstverständlich zur regionalen Identität.


Erwachsenenbildung stärkt die Region Ostbelgien

Im Austausch mit Liliane Mreyen von der Volkshochschule-Bildungsinstitut VoG und Patrick Meyer vom Rat für Erwachsenenbildung wird deutlich, welchen hohen Stellenwert Erwachsenenbildung in der DG besitzt. Bildung wird hier als lebensbegleitender Prozess verstanden – von der frühkindlichen Förderung bis zur Senior*innenbildung, etwa im Rahmen der Akademie 50+. Diese Bedeutung unterstreicht auch Gregor Freches, Minister für Kultur, Tourismus, Sport und Medien. Derzeit erarbeitet er eine Reform der Erwachsenenbildung, die stärker auf Qualität und gesellschaftliche Wirksamkeit statt auf reine Angebotsquantität setzt.

Wie viele ländliche Regionen steht auch die DG vor strukturellen Herausforderungen und sowohl der demografische Wandel als auch der Fachkräftemangel wirken prägend auf das Leben vor Ort. Umso wichtiger sind Bürger*innennähe, attraktive Lebensbedingungen und gute Bildungsangebote. Unter der Marke „Ostbelgien“ präsentiert sich die Region daher gleichermaßen als lebenswerter Standort und touristisches Ziel.


Gemeinschaftliche Lösungen führen ans Ziel

Einen besonderen Einblick in die Region, ihre Geschichte und Identität sowie in die Arbeitsweise der politischen Instanzen bietet eine Führung durch das Parlament der DG. Aufgrund der historischen Entwicklungen Belgiens und der Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft stehen hier gelebte Demokratie und politische Bildung im Mittelpunkt. Nicole De Palmenaer, die die Gruppe durch das Parlament führt, betont zudem die Bedeutung von Kooperationen: „Wir brauchen Kooperation, um Expertise aufzubauen. Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist zu klein, um komplexe Themen im Alleingang ausreichend abzudecken“ Konkurrenzdenken tritt hier häufig hinter gemeinschaftliche Lösungen zurück.



An den Menschen orientiert: Ehrenamt und Medienzentrum

Wie diese Haltung praktisch umgesetzt wird, zeigt sich auch im Medienzentrum Eupen. Die Einrichtung versteht sich als generations- und kulturübergreifender Treffpunkt für Menschen und Medien und arbeitet eng mit Trägern der Erwachsenenbildung zusammen. Ebenso spielt ehrenamtliches Engagement eine zentrale Rolle: Bürger*innen können sich beispielsweise zu Digitalbotschafter*innen ausbilden lassen oder als Lesepat*innen aktiv werden. Die hohe gesellschaftliche Anerkennung des Ehrenamts fällt den Gästen aus Brandenburg während der gesamten Reise immer wieder positiv auf. Über eine Ehrenamtsplattform finden Vereine und engagierte Menschen zusammen.

Besonders eindrucksvoll ist auch die von Daniel Beckers präsentierte geplante Neugestaltung des Medienzentrums. Das neue Gebäude wird konsequent nach dem Prinzip des „User-Centered Designs“ entwickelt und orientiert an den Bedürfnissen der Bürger*innen. In der Planung ist die Öffnung in den Sozialraum eingebunden, es wird ein Bistro im Gebäude sowie öffentlich nutzbare Räume für Vereine geben und ein Bürgerempfang als niedrigschwellige und bürger*innennahe Schnittstelle zur Verwaltung integriert. Darüber hinaus soll das Haus als „Open Library“ auch außerhalb regulärer Öffnungszeiten personallos frei zugänglich sein. Statt mögliche Probleme wie Vandalismus in den Vordergrund zu stellen, dominiert hier ein Denken in Chancen und Möglichkeiten und die Orientierung an „good practice“-Beispielen.


Wie Grenzen überwunden werden

Die Grenzlage der DG ist in vielen Bereichen spürbar und prägt auch die Bildungsarbeit. Im Austausch mit Paul Hölsgens von der Euregio Maas-Rhein EVTZ und Stephanie van den Berg-Thoenissen vom Zweckverband Eurode wird deutlich, wie wichtig eine über die Grenzen hinweg abgestimmte Bildungsgestaltung für die Region ist. Grenzüberschreitende Berufsorientierung, die Förderung von Nachbarsprachen und internationale Begegnungsräume sollen dem Fachkräftemangel entgegenwirken und zugleich ein gemeinsames europäisches Zugehörigkeitsgefühl stärken.

Auch Liliane Mreyen betont den Wert internationaler Perspektiven: „Unser Horizont endet nicht an der Landesgrenze: Wir setzen gezielt auf grenzüberschreitende Kooperationen. Der Blick über den Tellerrand hat uns bereits viele wertvolle Impulse geliefert.“


Impulse für Brandenburg

Nach drei intensiven Tagen kehrt die Delegation mit zahlreichen Eindrücken nach Brandenburg zurück. Besonders die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen der Bürger*innen hinterlässt Eindruck. In der Deutschsprachigen Gemeinschaft wird Erwachsenenbildung – ebenso wie weitere Bildungsbereiche – nicht nur als Wissensvermittlung verstanden, sondern als zentraler Baustein regionaler Entwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe. Kooperation, Bürger*innennähe und der Mut, neue Wege zu gehen, gehören zu den wichtigsten Erkenntnissen, die die Teilnehmenden aus Ostbelgien mitnehmen – und die künftig auch Impulse für die kommunale Bildungsarbeit in Brandenburg geben können.


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