Eine Handvoll Fragen an Dr. Ulrich Brückner zur politischen Bildung im Spannungsfeld aktueller Herausforderungen

Gesellschaftliche Transformationen und ein fortlaufender Aushandlungsprozess demokratischer Ordnung stellen neue Anforderungen an die politische Bildung. Welche Rolle sie heute einnimmt und einnehmen muss, erläutert Dr. Ulrich Brückner, Jean Monnet Professor an der Stanford University, in unserem Kurzinterview. Er zeigt zentrale Herausforderungen auf, skizziert neue Möglichkeitsräume und ordnet aktuelle Entwicklungen im politischen Feld ein.

Warum politische Bildung als grundlegende Infrastruktur der Demokratie verstanden werden kann – vergleichbar mit Internet oder Straßen –, worin ihre Kernaufgabe heute besteht und welche konkreten Implikationen sich daraus für kommunale Lebensrealitäten in Brandenburg ergeben, führt Dr. Ulrich Brückner im Gespräch mit uns aus. 

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Kommunen

stärken

Impulse

geben

Vernetzung

fördern

Die Demokratie befindet sich derzeit in einem veritablen Stresstest. Wir erleben gleichzeitig mehrere tiefgreifende Transformationsprozesse: eine veränderte Welt, eine veränderte Gesellschaft, eine veränderte Kommunikation – und daraus folgend auch eine veränderte politische Bildung. Konkret beobachte ich Demokratieskepsis, sinkende Parteienbindung und einen wachsenden Vertrauensverlust in Institutionen – in Ostdeutschland oft noch stärker ausgeprägt als anderswo. Hinzu kommen die großen Transformationsthemen: Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, Migration und künstliche Intelligenz. Viele dieser Konflikte werden vor Ort gespürt, sind aber global verursacht.

Für die politische Bildung bedeutet das: Sie muss diese Komplexität handhabbar machen. Sie darf nicht nur abstrakt „Demokratiewerte‟ vermitteln, sondern muss erklärend und anerkennend mit realen Frustrationen umgehen. Die Menschen brauchen Orientierung. Darauf muss politische Bildung reagieren, und zwar nicht nur bei den Inhalten, sondern auch bei den Formen der Vermittlung, um sowohl die Gesellschaft in der Breite aber auch speziell zielgruppenorientiert Menschen zu erreichen.

Politische Einstellungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind eingebettet in konkrete Lebensbedingungen – in Infrastruktur, Mobilität, medizinische Versorgung, digitale Teilhabe. Wer auf dem Land lebt, keinen Arzt mehr in Reichweite hat und auf schlechte Busverbindungen angewiesen ist, erlebt strukturelle Ungleichheit täglich. Das prägt, wie Menschen Politik wahrnehmen und ob sie ihr vertrauen. Reine Wertevermittlung greift deshalb zu kurz. Wer über Demokratie spricht, ohne die sozialen und räumlichen Bedingungen zu thematisieren, unter denen Menschen leben, verfehlt die Lebensrealität vieler Bürger*innen.

Für Brandenburg heißt das konkret: Wir brauchen Formate im ländlichen Raum, die nicht als Abfallprodukt von Großstadtprojekten entstehen, sondern eigenständig sind – mit Themen wie ÖPNV, Windkraft, Abwanderung oder kommunale Finanzen. Und wir müssen die Ost-Erfahrungen – Transformation, Deindustrialisierung, biografische Brüche – nicht pathologisieren, sondern als politisch relevante Erfahrungsgeschichte ernst nehmen und in Bildungsformate integrieren.

Die kommunale Ebene ist der Ort, an dem Bürger*innen die Leistungsfähigkeit des Staates konkret erleben – oder eben nicht. Ob die Straße repariert wird, ob der Bus fährt, ob das Schwimmbad geöffnet bleibt: Das alles entscheidet sich vor Ort. Und genau hier entscheidet sich auch, ob Politik als handlungsfähig oder als abgehoben wahrgenommen wird. Kommunen tragen deshalb eine besondere Verantwortung. Sie sind nicht nur Dienstleister, sondern demokratische Räume. Wenn kommunale Bildungseinrichtungen politische Bildung als bloße Pflichtaufgabe behandeln, verschenken sie enormes Potenzial.

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Konkret bedeutet das: Kommunen sollten „Institutionenkunde 2.0‟ anbieten – also erklären, wie Entscheidungen vorbereitet werden, wo reale Einflusskanäle liegen (Bürgerhaushalte, Petitionen, Beteiligungsverfahren, lokale Initiativen) und wie aus dem Gefühl der Ohnmacht wieder Handlungsmacht werden kann. Politische Bildung ist eine Infrastruktur der Demokratie – genauso wichtig wie Straßen und Internet.

Das ist vielleicht die Kernaufgabe politischer Bildung heute: Übersetzung leisten. Energiepreise, Migration, Standortkonkurrenz, Klimapolitik – all das wird vor Ort gespürt, ist aber global verursacht. Die Frage ist immer: Was bedeutet das für meine Gemeinde? Kommunen in Brandenburg können das auf verschiedenen Wegen angehen. Erstens durch lokale Ko-Produktionen: Formate gemeinsam mit Vereinen, Feuerwehren, Kirchen, Sportclubs und Jugendzentren entwickeln, um politische Bildung in Alltagskontexte zu integrieren – Stichwort: „Politik im Vereinsheim‟. Zweitens durch zielgruppenspezifische Angebote: Für Jugendliche eignen sich Peer-Formate, Social-Media-Projekte und Planspiele zur Kommunalpolitik. Für Erwachsene Diskussionsreihen zu Energie, Infrastruktur und Sicherheit sowie Bürgerdialoge mit Verwaltung. Für ältere Menschen Gesprächskreise zu Biografien der Transformation und Erinnerungspolitik vor Ort. Zentral ist dabei: Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch Information allein, sondern durch Beteiligung. Formate müssen so gestaltet sein, dass Menschen erleben: Meine Stimme zählt, mein Handeln hat Wirkung.

Die Handlungsspielräume sind größer, als man in Zeiten von Pessimismus und schlechten Nachrichten vermutet – aber sie müssen bewusst genutzt werden. Der erste Schritt ist, politische Bildung nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Kernaufgabe kommunaler Daseinsvorsorge zu begreifen. Wo das gelingt, entstehen Kooperationen: Bildungsakteure, Schulen, Verwaltungen, Zivilgesellschaft und lokale Medien als Verbund – ein „Demokratienetzwerk Landkreis XY‟, wenn man so will. Für lebensweltorientierte Formate braucht es aus meiner Sicht vor allem drei Dinge. Erstens Zuhören vor dem Planen: Bevor Angebote konzipiert werden, sollten kommunale Fachkräfte in die Gemeinden gehen und fragen, was die Menschen bewegt. Welche Konflikte schwelen? Welche Fragen bleiben unbeantwortet? Das können Gespräche vor Ort sein, aber auch Befragungen oder die Einbindung in Gesprächsrunden, wie Gremien, sein. Zweitens Differenzierung nach Zielgruppen: Jugendliche brauchen andere Zugänge als Rentner*innen, Menschen in Kleinstädten andere als in Dörfern. Das klingt selbstverständlich, wird aber in der Praxis oft übergangen zugunsten von Einheitsformaten. Drittens kontinuierliche Evaluation: Nicht im Sinne von bürokratischen Berichten, sondern als ehrlicher Lernprozess. Welche Formate erzeugen Resonanz? Wo kommen immer dieselben zwanzig Leute – und wer fehlt systematisch? Wer diese Fragen stellt und die Antworten ernst nimmt, kann politische Bildung Schritt für Schritt näher an die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort bringen.


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