„Wir spannen den Schirm auf“ – Kommuneninterview mit dem Landkreis Oder-Spree
Hochmotiviert sind die beiden und haben große Pläne: Mit der Programmförderung „Bildungskommunen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wollen sich Katja Kaiser und Maxie Wollschläger optimal aufstellen und bei der Fachkräftesicherung vor allem den Übergang von Schule zu Beruf unterstützen.
Katja Kaiser leitet im Landkreis Oder-Spree das Dezernat für Jugend, Soziales und Kultur: „Wir nähern uns dem Bildungsthema global an. Fachkräfte sind überall ein großes Thema. Wir stehen gemeinsam in der Verantwortung und brauchen die Unterstützung auf kommunaler Ebene.“
Maxie Wollschläger ist die Leiterin des Bereiches Sozialplanung und Controlling und war davor bereits als Bildungsmanagerin im Landkreis tätig. Sie ist davon überzeugt, dass es sich lohnt, einen Blick auf andere Kommunen zu werfen: „Mit den bundesweiten Programmen können wir uns gegenseitig helfen.“

© Foto REAB Brandenburg
Kommunen
stärken
Impulse
geben
Vernetzung
fördern
Der Landkreis hat ein Datenbasiertes Kommunales Bildungsmanagement (DKBM) etabliert und ganz neu ein Bildungsportal ins Leben gerufen. Worauf sind Sie stolz?
Katja Kaiser: Einen großen Erfolg haben wir mit den Verzahnungen verschiedener Bildungsakteur*innen geschaffen. So konnten wir nicht nur den Bogen um ein kooperatives Miteinander spannen, sondern haben auch alles im Blick. Wir gehen mit allen in den Austausch und erheben regelmäßig Daten, die wir bündeln und mit einem Fokus versehen anschließend veröffentlichen. So werden unsere Zahlen für alle nutzbar und zugänglich.
Maxie Wollschläger: Es ist in jeglicher Hinsicht erfreulich, dass wir als Bildungsbüro wahrgenommen und genutzt werden. Die Zeiten, in denen wir die Werbetrommel rühren mussten, sind vorbei, wir sind da und haben uns etabliert.
Welche Herausforderungen sind Ihnen auf Ihrem Weg begegnet? Wie haben Sie diese gelöst?
Katja Kaiser: Wir möchten beständig die Transparenz über die Bildungslandschaft aufrechterhalten und die Daten, die erhoben werden und an Bekanntheitsgrad gewonnen haben, sichtbar machen. Das ist nicht immer einfach, denn Daten müssen einsortiert werden und Prioritäten zugeordnet bekommen. Wir wollen uns Gehör verschaffen, sonst hat unsere Arbeit wenig Nutzen.
Maxie Wollschläger: Unser großes Motto ist: Bildung gemeinsam gestalten. Dafür brauchen wir Multiplikator*innen. Wir schaffen nicht alles allein. Unterstützung bekommen wir von unseren Kooperationspartner*innen, die unsere Ideen mittragen und die uns z. B. auch einen Zugang zu den Stadtverordnetenversammlungen ermöglichen. Dort können wir unsere gesammelten Informationen vorstellen und in den Austausch gehen.
„Unser großes Motto ist: Bildung gemeinsam
gestalten. Dafür brauchen wir Multiplikator*innen.“Maxie Wollschläger

Seit zwei Jahren sind Sie bereits „Bildungskommune“ und haben damit viel erreicht. An welchen Themen arbeiten Sie aktuell?
Maxie Wollschläger: Wir haben direkt die „Bildungskommune“ an das Vorgängerprogramm des BMBF „Bildung integriert“ angeknüpft, um das zu nutzen, was schon erreicht wurde. Vor allem gab es bereits Vernetzungsstrukturen, die wir gefestigt haben, erweitern konnten und weiter ausbauen werden.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Sicherung von Fachkräften und der beruflichen Bildung. Denn Bildung ist in jedem Alter aktuell. Hierbei arbeiten wir an einer Datengrundlage für den Übergang von Schule zu Beruf. Wir sammeln Themen und überlegen, wo wir genauer hinschauen wollen. Wir müssen bestehende Netzwerke bespielen und neue Partner*innen mit Informationen versorgen. Aber auch alle anderen sollen sehen, was sich verändert hat und wo die Auffälligkeiten liegen.
Welche Rolle spielt das Bildungsmonitoring bei Ihrer Arbeit in der Bildungskommune und im Bereich der Fachkräftesicherung?
Katja Kaiser: Wir können die Daten, die für unsere Bedarfsanalysen und Maßnahmenentwicklungen relevant sind, für alle zugänglich machen. Unsere gebündelte Struktur aus Sozialplanung, Bildungsmanagement und Bildungsmonitoring ist hierfür von Vorteil. Wir haben ein gemeinschaftliches Ziel, das wir geeint verfolgen.
Maxie Wollschläger: Das Bildungsmonitoring ist eine verlässliche Grundlage für unsere Arbeit und wird sowohl intern als auch extern genutzt. Vor allem wenn wir in Diskussionen sind, wird oft nach den Zahlen gefragt: Was ist die Grundlage für unsere Rückschlüsse? Wie steht es um die Entwicklung der letzten zehn Jahre? Was hat sich in den letzten fünf Jahren getan? Da haben wir dank des Bildungsmonitorings eine valide Grundlage. Und wir können die Daten mit allen anderen Zahlen in einen Kontext setzen, das macht die Verbindung zum Bildungsmanagement aus.
Zahlen müssen manchmal erklärt werden, die sprechen nicht für sich, sie müssen gedeutet werden. Das Interesse daran ist groß. An zweiter Stelle kommt dann der Schritt, mit den Zahlen an die Öffentlichkeit zu gehen und sie nicht nur in der Schublade zu sammeln. Zahlen müssen die Grundlage der Diskussion und Entscheidungen sein. Und dann können wir bei unseren Fachkonferenzen schauen, was die Menschen im Landkreis dazu sagen und dadurch nochmals einen wichtigen Lokalbezug durch die Teilnehmenden aus unserem Landkreis gewinnen.
Welche Hürden begegnen Ihnen in Bezug auf das Bildungsmonitoring?
Maxie Wollschläger: Alle sind an Betrachtungen langer Entwicklungszeiträume interessiert, was für uns schwierig ist. Oftmals sind Zahlen nicht mehr verfügbar. Das Thema „Menschen mit Behinderung“ ist dabei ein Beispiel. Manchmal werden Zahlen nicht mehr erhoben oder eine Zeitreihe ist nicht mehr vergleichbar, weil sich etwas geändert hat. Diese Daten können wir nicht mehr unreflektiert nutzen.
Dabei werden unendlich viele Zahlen im Landkreis erhoben, die wir ausgewertet und zusammengeführt ans Land schicken. Dort werden wieder neue Zahlen hinzugefügt und zurück kommen sie dann oft nur für den Landkreis oder für die Städte. Wir müssen dann prüfen, wie wir diese für jede unserer Kommunen herunterbrechen können. Das ist eine große Hürde. Vor allem für unsere kreisangehörigen Kommunen, die natürlich gerne wissen möchten, wie denn bei ihnen die Lage ist. Ein großes Thema ist auch die Aktualität, denn oft reden wir über „alte“ Zahlen.

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Katja Kaiser: Die erstmalige Erhebung ist das eine und die Aktualität das andere. Zunächst war es nicht einfach, überhaupt Datenquellen zu erschließen und die Zahlen im eigenen Haus und institutionsübergreifend zusammenzutragen. Die Datengrundlage muss stetig gepflegt, aktualisiert und erweitert werden. Eine Aufgabe bleibt noch: Die Daten anschaulich und verständlich den Betrachtenden aufzubereiten.
In Ihrem Landkreis haben Sie im November 2024 Ihr Bildungsportal an den Start gebracht und sich dabei für die Variante eines Daten-Portals entschieden.
Katja Kaiser: Mit der Transparentmachung der gesammelten Informationen zeigen wir, dass die bereitgestellten Daten unserer Partner*innen ihnen selbst und allen anderen Akteur*innen, dienlich sein können. Damit fördern wir noch mehr die Zusammenarbeit und unsere Arbeit gewinnt zusätzlich an Bedeutung.
Maxie Wollschläger: Im Internet sind verschiedenste Daten für alle zugänglich, aber nicht alle finden, was sie brauchen. Unser Hauptfokus liegt daher auf der Bereitstellung des Datenmaterials. Es stehen interaktive Karten zu Bildungseinrichtungen wie Kitas, Horten, Schulen und Bibliotheken des Landkreises zur Verfügung. Über unsere webbasierte Lösung können sich Interessierte in allen Lebenslagen wohnortsunabhängig über Bildungsmöglichkeiten in ihrer Region informieren. Zudem kann das Bildungsportal als Steuerungs- und Marketinginstrument für Entscheidungen in politischen Gremien oder zur Entwicklung passgenauer Angebote genutzt werden. Auch der Kontakt- und Netzwerkaufbau zu relevanten Zielgruppen und diversen Bildungsanbietern wird erleichtert und transparenter.
Warum ist Fachkräftesicherung so ein wichtiges Thema für Ihre Bildungskommune?
Katja Kaiser: Fachkräftesicherung ist überall ein großes Thema. Unser Ziel ist es, Lösungsansätze zu entwickeln. Diesen riesigen Auftrag wollen wir angehen, aber auch das geht nicht allein. Wir stehen gemeinsam in der Verantwortung und nutzen auf kommunaler Ebene Strukturen und Unterstützungspotentiale der Bundesprogramme des BMBF.
Dabei müssen wir auch auf die Gegebenheiten unseres Landkreises achten. Wir sind ein Flächenlandkreis. In Eisenhüttenstadt ist die Lage eine völlig andere als in Kommunen in Randlage zu Berlin. Überall gibt es andere Herausforderungen. Wichtig ist auch der Blick auf die familiären Kontexte, die Altersstrukturen in den ländlichen Gebieten und wie die Kitaversorgung vor Ort ist. Das alles spielt beim Thema Fachkräftesicherung eine entscheidende Rolle.
Maxie Wollschläger: Mit der Ansiedlung von Unternehmen gibt es verschiedene Konzepte und Fragen, denen wir uns stellen müssen: Wie viel wird die Region noch wachsen? Wie viele Fachkräfte kommen noch? Hier müssen wir schauen, dass wir global denken.
Und gleichzeitig betrachten wir alles kommunal: Wo können wir als Kommune thematisch dabei sein? Was können wir selbst initiieren? Welche Ideen haben wir, um in unserer Kommune etwas umzusetzen, wo wir nicht die ganz große Lösung erwarten? Was können wir als Akteur*innen vor Ort anschauen und erarbeiten?
Wir lösen das Problem nicht, aber wir können uns mit Lösungsansätzen annähern. Und über all dem schweben die entscheidenden Fragen: Wie können wir die Menschen im Landkreis halten? Wie bringen wir die Ausbildungen zu den Menschen, die hier leben? Und wie kommen wir mit ihnen ins Gespräch?

“Am engsten arbeiten wir mit den Wirtschaftsförderungen des Landkreises und der Kommunen zusammen.“
Katja Kaiser
Mit welchen Akteur*innen arbeiten Sie an diesen Themen?
Katja Kaiser: Am engsten arbeiten wir mit den Wirtschaftsförderungen des Landkreises und der Kommunen zusammen. Auch zusammengeschlossene Gebiete und Städte haben Wirtschaftsförderungen, aber die größte Bedeutung haben die einzelnen Kammern.
Aber auch wichtige Akteur*innen, wie die Agentur für Arbeit, sind unsere Partner*innen, nehmen uns mit und lassen uns teilhaben. Und die Kolleg*innen vom kommunalen Jobcenter haben wir sogar direkt bei uns im Haus auf dem Gang.
Sie sprachen es vorhin schon an: Die Ausbildungsplatzversorgung in Brandenburg ist gerade eine große Herausforderung. Wie ist die Lage für Ihren Landkreis?
Katja Kaiser: Wir haben immer noch freie Stellen und es gibt auf beiden Seiten Überhänge. Offenbar gelingt es uns nicht immer, genau den passenden Platz für die jungen Menschen zu finden. Das Problem ist weder, dass wir zu wenig Ausbildungsplätze haben, noch zu wenige Auszubildende. Es liegt daran, sie füreinander zu gewinnen und sie zueinander zubringen. Daran arbeiten wir gemeinsam.
Maxie Wollschläger: Der Übergang von Schule zu Beruf ist hier ein großes Thema, dem wir auch unsere letzte Bildungskonferenz gewidmet haben: Wir wollen das Übergangssystem mit den Schulen fördern und uns an bereits bestehenden guten Beispielen orientieren. Wir möchten die Jugendlichen schon vor ihrem Abschluss in den Schulen abholen. Es gibt viele gute kommunale Lösungen, über die wir zusammen sprechen möchten.
Wie motivieren Sie sich für Ihre Arbeit? Verraten Sie uns, wer oder was Sie inspiriert?
Maxie Wollschläger: Manchmal schauen wir mit positivem Neid auf andere Kommunen. Wir sehen das als Chance, uns weiterzuentwickeln, und nehmen die eigene Arbeit genauer unter die Lupe. Wenn eine andere Kommune zum Beispiel eine clevere Idee hatte und die auch schon umgesetzt ist, dann fragen wir, wie sie das geschafft haben.
Mein persönlicher Antrieb sind dabei die Menschen. Oft begegnen mir Leute, die dem Thema Bildung zugetan sind und offen gegenüberstehen. Und obwohl sie den Schreibtisch voll haben, öffnen sie sich trotzdem. Menschen, die mitreißen, die vom Meckern wegkommen und mit einer Idee etwas anpacken wollen. Das treibt mich an.
Katja Kaiser: Motivierend sind Ansätze, die etwas ganzheitlich betrachten. Bildung wird dadurch ein Gemeinschaftsauftrag.
Welche Ziele haben Sie für das kommende Jahr?

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Katja Kaiser: Die große Zielrichtung im globalen Thema Bildung liegt auf der Priorisierung auf Fokusthemen. Wir starten in Oder-Spree auch mit dem Startchancen-Programm des Bundes. Das steckt bei uns in den Startlöchern. Wir spannen den Schirm auf und müssen herausfiltern, was für den Landkreis wichtig ist. Wir wollen die Schulen in den Fokus rücken, auch die, die noch nicht von „Startchancen“ profitieren. Und wir möchten die kleinen mittelständischen Unternehmen und privaten Bildungsanbieter*innen wieder mit ins Boot holen.
Maxie Wollschläger: Das Bildungsportal, das noch in den Kinderschuhen steckt, wollen wir weiter füllen und ausbauen. Es muss nutzbar gemacht werden. Bisher haben wir z.B. Berichte zur frühkindlichen und schulischen Bildung, zur sozialen Lage und Pflegestrukturplanung erstellt. Ein Hauptschwerpunkt ist nun die Fachkräftesicherung. Es wird eine Datengrundlage geben und eine Berichterstattung. Alles soll aufeinander abgestimmt und im Fluss sein – in die bereits vorhandenen Berichterstattungen: Frühkindliche Bildung, Schulische Bildung, Soziale Lage, Pflegestrukturplanung… Hierfür wollen wir mit allen Akteur*innen ins Gespräch kommen und auch die Bevölkerung miteinbeziehen.
Welche Empfehlungen können Sie anderen Kommunen mitgeben, wenn sie ein DKBM aufbauen wollen?
Katja Kaiser: Man braucht die passenden Leute, das ist das Wichtigste. Zusammen ausloten, was für die kreisangehörigen Kommunen wichtig ist. Wir legen den Fokus auf gemeinsame Nutzbarkeit und wie wir daraus Mehrwerte und Vorteile schaffen.
Maxie Wollschläger: Hierbei wollen wir das bereits bestehende, große Netzwerk miteinbeziehen. Die „Bildungskommune“ ist ein Bundesprojekt und das hat den Vorteil, dass in allen Bundesländern Menschen in Kommunen sitzen, die vielleicht schon Stolpersteine genommen oder Hürden leicht übersprungen haben. Von diesem Netzwerk profitieren wir.
Vielen Dank für Ihre Einblicke. Wir wünschen Ihnen, dass es Ihnen weiterhin gelingt, die passenden Akteur*innen unter dem gemeinsamen Schirm der Bildungsgestaltung zu verbinden.